Ich vermisse dich, obwohl du neben mir liegst - über emotionale Einsamkeit in Beziehungen
Zwei Übernachtungen in 21 Tagen. Ist das genug? Über Skin Hunger, sichere Bindung und die Frage, warum Nähe in unserer durchgetakteten, digitalen Welt so schwer zu finden ist.
Die schönste Zeit war immer, wenn wir gemeinsam wegfuhren. Wenn wir Tag und Nacht zusammenlagen, wenn es im Sommer zu heiss war und zu klebrig für vollen Körperkontakt und bloss unsere Füsse sich berührten. Wenn ich aufstand und du da schon standest, mit einer Kaffeetasse in der Hand. Mit einem Lächeln und der Frage, was als Nächstes kommt. Das Schönste war immer, wenn wir Zeit hatten. Und nichts, was uns diese gemeinsame Zeit nahm. Nichts, das in Konkurrenz trat, mit unserem Raum. Mit deiner Aufmerksamkeit für mich, für uns.
Wenn wir uns begegnen konnten, wirklich zusammen sein.
Ohne die vielen Anrufe deiner Arbeitsstelle. Die langen Stunden irgendwo in einem Auto, nicht in der Lage, meine Anrufe entgegenzunehmen. Nicht gestresst, nicht woanders, nicht bloss halb da, keine kollidierenden Terminkalender und die grosse Frage danach, wie wir Alltag zusammen stemmen sollen, wo Zeit bleibt für Me-Time, Freundschaften, Karriere, Besuche bei Verwandten, Telefonate zu den grossen Fragen, Ausflüge, neue gemeinsame Erlebnisse, Binge-Watching, Sex.
Ich wollte immer mehr, als ich bekam
Ich habe dich im Grunde jeden Tag unserer Beziehung vermisst, über Jahre. Ich habe so oft dieses Vakuum gespürt, diesen Raum, zwischen uns, diese Grenze. Diese Linie, an der du stehst und sagst: Mir reicht das so, das ist genug, mich erfüllt das. Und ich, dir sage: Mir reicht das nicht. Ich sehne mich. Ich habe Hunger, nach uns, ich vermisse uns. Ich wollte immer mehr, als ich bekam. Immer mehr Stunden, Tage, Wochen. Ich hatte das konstante Gefühl, dass ich um diesen gemeinsamen Raum kämpfen muss. Dass ich nicht das Wichtigste in deinem Leben bin. Dass es nie reichen wird. Und dass ich mit dieser Sehnsucht alleine bin.
Wie viel Nähe und wie viel Autonomie wir in einer Beziehung, in allen Beziehungen, doch auch vor allem in einer Liebesbeziehung brauchen, hängt von vielen Faktoren ab. Sie hängt davon ab, wie glücklich wir mit unserem eigenen Leben sind. Wie sehr wir Nähe möchten. Auf welche Art. Sie hängt mit unseren Prägungen und unserem Bindungstyp zusammen, mit der Art und Weise, wie wir Liebe ausdrücken, sie geben und erhalten wollen. Sie hängt von Lebensphasen ab und davon, was noch alles sonst in unserem Leben uns Halt gibt und unsere Energie konsumiert.
Ist es gut genug, um zu bleiben?
“Skin Hunger” sagte meine Freundin gestern über einem Stück Schokokuchen, sie habe Skin Hunger, diese unersättliche Sehnsucht nach Körperkontakt, wie ein Baby, das immer gehalten werden will. Zweimal würden sie beieinander übernachten, ihr Partner und sie, diesen Monat, bis Ende Monat, zwei Mal in 21 Tagen, ist das normal?, fragte sie, soll ich mich damit abfinden? Er sei der sichere Beziehungstyp, präsent, lieb, kommunikationsstark, ehrlich, liebevoll, gebend, fröhlich, stabil, an sich so viel Gutes, zwischen ihnen, so viele schöne Jahre, und doch.
Ich werde nie die Nähe kriegen, die Fülle, die Regelmässigkeit, das Zusammen, das ich mir tief drin, in meinem Herzen, wirklich wünsche.
Sie sagte das mit einer Mischung aus Nüchternheit, Resignation und Trauer, mit diesem Blick. Diesem fragenden Blick, der sagt: Was soll ich denn nun tun. Es ist genug gut, um zu bleiben. Und es ist wenig genug, um sich alle paar Wochen, alle paar Monate die Frage zu stellen, ob das alles im Grunde eine sehr falsche Beziehung ist, eine, in der ich nie glücklich werde.
Der Autor Thomas Meyer würde wohl raten, sich zu trennen, wenn man in der Beziehung nicht auf seine Kosten kommt, er hat aus dieser These ein ganzes Buch gemacht, mit dieser Idee, dass wir uns viel zu lange nicht trennen, viel zu lange bleiben, in Konstellationen, die uns nicht glücklicher machen, als alleine zu sein. Vielleicht sind wir mit den Jahren auch bereiter, Dinge einfach hinzunehmen, weil wir nicht mehr so schnell einen neuen Menschen finden. Vielleicht sind Kinder im Spiel, und alles wird auch bürokratisch komplizierter, es hat alles seinen Preis.
Die Suche zwischen Trauma und echtem Bedürfnis
Vielleicht wissen wir auch nicht wirklich, was das jetzt ist, das mit dieser Nähe oder dem Fehlen davon. Ist das nun wirklich unser innerstes Bedürfnis? Wollen wir wirklich mehr Zusammensein? Oder ist das bloss ein Mangelgefühl, genährt von traumatischen Erfahrungen in der Kindheit und wir müssen lernen, besser und zufriedener alleine zu sein? Oder sind wir mit einem Menschen zusammen, in einer Konstellation, die unseren Hunger nach Nähe schürt, weil die Bindung nicht sicher genug ist, dass wir uns hineinentspannen können?
Vielleicht liegt auch alles an unserem perversen Leistungssystem. Den Anrufen und Mails bis spät abends, welche einen aus dem Moment, aus der Beziehung reissen.
An den Gleichberechtigungsfragen, an der Frage, wer nun dran ist damit, sein Leben zu erfüllen, und wer denn nun für den anderen zurückstecken sollte. Ob das alles je aufgeht. Wie viel Freiheit wir haben dürfen, uns nehmen müssen, was als emanzipiert gilt und was als devot.
Dass wir in bindungsängstlichen Zeiten leben, wo wir ständig nach etwas anderem Ausschau halten. Bleiben wollen. Doch nicht sicher sind, ob es nicht noch besser werden könnte.
Liebe in neokapitalistischen, digitalen Zeiten
Ob wir nicht ungebundener, vielfältiger gebundener sein wollen. Zeiten, in denen Alltag und durchschnittliche Wochen und zähe Abende und ereignisarme Beziehungsmonate nicht mehr vorkommen dürfen, weil man dann automatisch etwas falsch gemacht zu haben scheint.
Diese Normalität, im Gegensatz zu all dem Farbspektakel auf Social Media. Auf Netflix. In all den Feeds.
Und das alles mitten in einer 42-Stunden-Woche, zwischen Samstags-Einkauf in überfüllten Malls und dem Sonntags-Zwang-Mittagessen bei der Familie, die dann irgendwelche Kommentare dazu macht, dass wir zu wenig, zu viel oder falsch essen, den falschen Partner lieben, zu spät Kinder wollen oder gar keine.
Schwirrt dir der Kopf?
Mir auch.
Und ich habe auf all diese Fragen noch keine perfekte Antwort gefunden.
Was also tun?
In Beziehung mit dem anderen, in Beziehung mit mir
Ich versuche, noch näher hinzuschauen. Nachzuspüren, wann ich wirklich Nähe brauche, und wann es bloss Verlustangst ist. Welche Menschen mir sichere Bindung und genug Aufmerksamkeit geben, dass ich mich sicher und geborgen fühle und dann auch mal meine eigenen Tage gestalten kann, weil ich weiss, dass sie da sind und da bleiben.
Ich versuche, mich sehr ernst zu nehmen, in meinem Bedürfnis nach Beziehung, und aber auch mit mir selbst in Beziehung zu treten. Mich öfter zu fragen: In Ordnung, das macht dich jetzt traurig, was daran ist gerade schwierig? Worin fühlst du dich allein gelassen? Wie kannst du das nun teilweise selbst nähren? Wo braucht es Klärung im Aussen?
Ich lese weiter gute Bücher zum Thema und rede mit Freunden darüber, und ich schreibe hier darüber, und vielleicht mögt ihr ja auch teilen, was ihr dazu fühlt, denkt, hofft. Und ich höre natürlich Podcasts, manchmal beispielsweise den Beziehungskosmos von Felizitas Ambauen und Sabine Meyer oder On Purpose von Jay Shetty.
Zwei supergute Bücher zum Thema Bindung, Autonomie - Nähe und Beziehung(en): Attached von Amir Levine und Rachel Heller sowie Polysecure von Jessica Fern.
Einige Kernaussagen, die ich daraus mitgenommen habe:
Sichere Bindung lässt sich nachträglich nähren und lernen.
Die Schmetterlinge im Bauch zu Beginn einer Kennenlernphase sind nicht immer das beste Zeichen - oft heisst das bloss, dass dein Bindungssystem aktiviert ist.
Jede Beziehung ist eine Aushandlung zwischen Nähe und Autonomie. Entweder haben wir Angst, uns zu sehr einzulassen und Autonomie zu verlieren, oder wir tendieren dazu, Angst davor zu haben, verlassen zu sein. Und jeder von uns kann, je nach Bindung, innerhalb der Beziehung die Rollen wechseln.
Eine gewisse Abhängigkeit vom Gegenüber, auf gesunde Art und Weise, gegenseitig, ist Voraussetzung für echte Intimität und Nähe.
Für das System ist es sehr heilsam, ein Netz an verschiedensten Bezugspersonen und Communities zu haben - neben und ergänzend zur eigenen Partnerschaft.
Was sind eure take aways? Und wo steht ihr im Prozess?
xoxo, Anna
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Tiefer gehen: Masterclass · Für Schulen · Buch · Podcast · Für Unternehmen
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Deine Freundin mit dem Schokokuchen – dieser Moment. Ich glaube, in solchen Gesprächen passiert mehr Heilung als in manchen Therapiestunden. Nicht weil jemand eine Antwort hat, sondern weil man endlich laut ausspricht, was man sonst nur im Kopf dreht. Ich beschäftige mich viel damit, solche Räume bewusst zu schaffen. Der "Küchentisch" als Ort der ehrlichsten Gespräche ist unterschätzt.
Ich kenne dieses Gefühl aus meiner früheren Beziehung. Ich glaube im ersten Schritt ist das, was du tust genau richtig. Hinschauen, Reinspüren. Wenn ich weiß, was mir gut tut, was ich brauche und warum, dann kann ich es auch kommunizieren. Ich bin kein Fan davon, dass man aus jeder Beziehung flüchten muss, nur weil der Mensch mit gegenüber nicht all meine Bedürfnisse und Ansprüche erfüllt. Er hat ja auch ein eigenes Leben und wir ein gesellschaftliches Modell, was von einem Partner alles verlangt, was früher eine ganze Gemeinschaft getragen hat. Aber, ich bin schon dafür, dass Bedürfnisse beim Partner landen dürfen und man gemeinsam nach Lösungen schaut. Ein einfaches "mir reicht das so mit der Nähe", wenn es dem anderen eben nicht reicht, ist als Schlusssatz unakzeptabel. "Mir reicht das so und dir nicht, was können wir tun, sodass ich nicht überreizt werde und du die Nähe bekommst, die du brauchst?". Das ist aus meiner Sicht Beziehungsfähigkeit.