Zwischen Nacht und Tag: Warum der frühe Morgen der letzte stille Ort ist
Kein Geschäft hat auf, kein Handy klingelt, niemand will etwas von mir. In einer Welt, die nie offline geht, ist der Morgen der einzige Raum, der noch ganz mir gehört.
Es ist die Stille, die ich so mag. Wenn es noch so früh ist, dass nichtmal der Himmel schon eine Farbe hat. Wenn die Luft noch kühl ist, von einer Nacht, in der sich die Welt erholt hat von all den Anstrengungen des Tages davor. Wenn ich aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen zu früh erwache, was ich selten tue.
Die stille Magie des frühen Morgens
Wenn ich erwache und scheinbar bereit bin für den Tag, und der Tag mich empfängt, in einer Stille, in einer Ruhe, die nur der Morgen kennt. Dann scheint die Welt für ein paar Stunden mir zu gehören. Dann ist noch niemand wirklich auf der Strasse, und die wenigen, die es sind, fühlen sich mir näher an, als wären wir alte Bekannte, als wären wir Nachbarn, wohnhaft in einem gemeinsamen, erwachenden Zustand der Welt.
Momente allein mit der Welt
Wenn ich früh morgens ans Ufer eines Sees stehe, und er so unberührt ist, seine Oberfläche so glatt, sein Wasser so neu. Wenn ich morgens durch die fast noch leeren Gassen der Altstadt laufe und über die Holzbrücke, die so menschenleer ist, so weit, wo ich für einmal kurz Platz finde, die alten Bretter unter meinen Füssen spüren kann, sogar lauschen, wie sie klingen, wenn sie sich bewegen.
Wenn ich auf einem Berg stehe und zuschaue, wie die Sonne am Horizont hervortritt, langsam, aber so klar, dass ein neuer Tag nun kommt und sie diejenige ist, die ihn einläutet, komme, was wolle. Wenn da diese Stille ist und alle noch schlafen und ich mich an den Tisch setze und schreibe.
Mir war nie klar, warum morgens um Sieben kein Mensch in den See geht, und abends um Sechs alle. Warum die Leute daran leiden, morgens um Sechs arbeiten zu gehen, aber morgens um Zehn ist es dann okay, in einem Büro zu sitzen und Emails zu beantworten, die einen nicht interessieren.
Warum der Morgen für Zärtlichkeit ist
Ich verstand nie, warum die Menschen abends Sex haben und abends ausgehen und abends Essen gehen und abends socializen und abends Kinofilme schauen und abends ins Fitness gehen und abends in die Nacht tanzen und abends galant ausführen, aber niemand den Morgen bevölkert, kein Mensch den Morgen zur romantischen Zeit erkürt, den Morgen zur Dating-Zone, den Morgen zum Gruppentreffen, den Morgen zum Tanzen.
Irgendwie, so scheint mir, ist der Morgen eine Zeit, in der wir ganz bei uns selbst sein können, still und für sich, er ist auf eine seltsame Art und Weise sehr privat.
Der Morgen als privater Raum der Seele
Kein Geschäft hat auf, kaum ein Büro hat schon Licht, die meisten Leute sind schlecht gelaunt, wenn man sie weckt oder schon etwas von ihnen will, anscheinend will kein Mensch interagieren, alle bleiben dem Leben fern, und für einmal ist es, als stünde man ganz alleine am Ufer eines Meeres, als hätte man den besten Fensterplatz im Café bekommen, als wäre man per Zufall die Erste, die den Sitzplatz im Kino auswählen kann, weil: alles noch frei, als wäre man die Erste, die am Tag des Totalausverkaufs noch den besten Mantel in der Hand hält, die Erste beim Gepäckband am Flughafen.
Wann gehört die Welt mal nur uns? Wann sind wir alleine, auf eine gute Art und Weise? Wo und wann finden wir sie, diese Momente, in denen unsere Seele einfach Ruhe ist, wir wach sind, ohne müde zu sein, wir warten können, ohne Zeit zu verschwenden? Wann bin ich alleine mit der Welt, und sie mit mir?
Zwischen Nacht und Tag: Der geheime Ort der Ruhe
Kurz habe ich überlegt, es niemandem zu sagen. Doch ich sage es dir: Ich habe das Glück gefunden, es wohnt zwischen Nacht und Tag, zwischen Himmel und Erde, an diesem Ort, an den fast niemand hinkommt, weil sie alle noch schlafen.
Es ist ein schöner Ort, er ist voller Verheissung, voller Liebe für das Leben und rein. Dieser Ort will nichts von uns, er hält alles bereit, er sagt nichts, obwohl alles in ihm liegt.
Er sagt bloss: Willkommen in meinem Zwischenraum, hier hast du genug Platz für alles, was du bist und warst und sein willst, und keiner, mit dem du das jetzt absprechen musst.
xoxo, Lieblingsmensch. Bis bald!
Anna
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