Wofür arbeiten wir eigentlich? Und wozu protestieren wir wirklich?
Arbeit ist für viele eine Last. Dabei kann sie auch ein Raum sein – für das, was wir können, wollen und erschaffen möchten. Heute, am 1. Mai, sollten wir für eine neue Art des Schaffens kämpfen.
Arbeit hat oft einen schlechten Ruf.
Wir arbeiten immer zu viel – und nie zu wenig.
Wir arbeiten aber für zu wenig Lohn.
Wir arbeiten zu lange.
Wir arbeiten – und unsere Familie und Freunde gehen dabei verloren.
Wir arbeiten – und setzen damit unsere Gesundheit aufs Spiel.
Im Radio läuft rauf und runter, dass Montag ist.
Dass wir wieder zur Arbeit müssen.
Dass hoffentlich bald Wochenende ist.
Und dass es doch so viel besser ist, wenn wir frei haben.
Und ich verstehe das.
Aber ich war die letzten fünfzehn Jahre selbstständig.
Und habe deshalb vielleicht auch ein bisschen einen anderen Blick auf Arbeit an sich.
Ich arbeite ständig – und ich habe theoretisch irgendwie auch immer frei.
Ich habe Zeiten erlebt, da habe ich viel zu viel gearbeitet.
Und Zeiten, da habe ich zu wenig gearbeitet.
So wenig, dass ich irgendwann gemerkt habe:
Es ist auch nicht leicht, ein Leben ohne Arbeit zu führen.
Weil Arbeit mehr ist.
Arbeit ist Struktur.
Arbeit gibt Halt.
Arbeit ermöglicht Identifikation.
Arbeit ist ein Resonanzraum – für das, was wir können. Für das, was wir lernen. Für das, was wir ausprobieren.
Und für das, was wir der Welt geben können.
Arbeit ist nicht nur acht Stunden am Tag.
Arbeit ist nicht nur ein Gehalt.
Arbeit ist ein Raum, in dem wir uns entfalten.
Und wer schon mal erlebt hat, wie Arbeit wegfällt – für ein paar Wochen oder Monate oder vielleicht sogar noch länger – der weiss, wie sehr einen das innerlich aufrütteln kann.
Wie existenziell das wird.
Wie tief es geht.
Vielleicht sollten wir Arbeit neu definieren.
Uns vom neokapitalistischen Leistungsdenken lösen.
Und uns wieder daran erinnern, dass Arbeit nicht nur Stress und Gift sein muss.
Sondern dass Arbeit auch Schaffen ist. Erschaffen.
Arbeit ist nicht nur Leistung – sie ist auch Würde.
Arbeit kann uns verbinden.
Arbeit kann ein Netz sein, das uns trägt.
Und wenn Arbeit wegfällt, verlieren wir nicht nur Einkommen – wir verlieren oft auch Gemeinschaft.
Deshalb sollten wir Arbeit nicht nur als Pflicht sehen, sondern auch als eine Form von Verbundenheit.
Arbeit ist nicht nur das, was wir einzeln tun.
Wir erschaffen die Welt gemeinsam, wir arbeiten auch für andere.
Nicht jeder muss alleine die Welt retten.
Aber zusammen können wir sie besser machen.
Arbeit braucht auch Pausen.
Pausen, in denen etwas in uns reifen kann.
Pausen, in denen auch mal was aufhören darf, um dann neu anzufangen.
Und vielleicht stehen wir gerade an einem Punkt, wo wir Arbeit wieder neu denken müssen.
Weil die Welt sich verändert.
Weil Maschinen und Technologien immer mehr übernehmen.
Weil Arbeit in vielen Bereichen entmenschlicht ist. Nur noch dazu da, uns abliefern zu lassen, unter Druck, unter Anspannung. Nicht klar, wie viel Wert wir darin finden. Auch für uns.
Doch vielleicht ist gerade jetzt, in dieser viel zu nervösen und schnellen Zeit, wo so vieles bröckelt, und wir so müde sind, Zeit, Arbeit neu zu denken. Uns dem zu verweigern, was uns daran kaputt macht, und das zu erweitern, was uns daran lebendig macht.
Weil wir damit hoffentlich irgendwann nicht mehr einfach nur funktionieren müssen. Sondern gestalten dürfen.
Und das geht in jedem Lebensabschnitt.
Wir können wirken.
Wir können erschaffen.
Wir können mit unserem Denken, mit unserem Handwerk, mit unserer Haltung und mit unseren Tugenden etwas in die Welt bringen.
Und wir können daran arbeiten, dass diese Welt schöner wird. Arbeiten wir daran – so, dass es uns gut tut. So, dass Energie zu uns zurückfliesst. Gemeinsam.
Ich arbeite gerne an einer schöneren Welt.
Und du?
xoxo, Anna
Ich schreibe und spreche mit viel Herzblut und versuche damit, die Welt und unser Erleben ein bisschen besser zu machen. Unterstütze meine Arbeit mit einem Abo hier auf Substack, teile diesen Post, abonniere meinen Podcast und schreib mir gerne, was dich gerade beschäftigt! Ab und zu beantworte ich eure Fragen (anonym) in einer nächsten Podcast-Folge.


So wahr, und so treffend formuliert!
Ich denke das Problem ist, dass Arbeit nur als Arbeit gilt, wenn es dafür Geld gibt. Und über diese Arbeit wird im Allgemeinen gesprochen, und nur dann wird sie auch wertgeschätzt. Das sollte sich ändern, und tut es ja auch in kleinen Schritten. Sehr kleinen, leider. Schöner Text, danke!