Wie wir im Digitalen so höflich sein können und so nett und so menschlich, wie wir es sein möchten.
Manchmal möchten wir alles richtig machen - und lassen im Digitalen dann Leerräume, die verletzen. Was du dagegen tun kannst.
Ich hatte sie schon öfter, diese Tage, an denen ich mich verleztlich zeige und mich verbinden möchte und zum Geburtstag einlade, beispielsweise, ich schreibe dann etwas sehr Liebevolles per Whatsapp, eine Einladung, die wirklich ernst gemeint ist, und eine Bitte, melde dich an, sag, ob du kommst, ich freue mich. Und dann kommt: nichts.
Man könnte meinen, das sei bloss eine Verrohung der Sitten, man könnte es abstreifen, als wäre eine Etikette an einem Produkt ein bisschen zu schräg aufgeklebt, nichts weiter, ein Fehler, passiert.
Auch mir passiert das.
Und doch: Jedes Schweigen ist ein Leerraum, eine emotionale Unsicherheit, etwas, das wir alle aushalten müssen. In einem konstanten News- und Kommunikationsstrom im Digitalen kann ein Schweigen, ein paar Minuten lang, ein paar Stunden, ein paar Tage, existenziell werden, für den, der angeschwiegen wird. Weil wir nicht lesen, wissen, spüren, sehen können: Was bedeutet dieser Zwischenraum?
Ist es Stress? Gehts dem anderen nicht gut? Ist der Person alles gerade egal? Ist das der Anfang vom Ende?
Does anyone care, really?
Und wie so oft, in sozialen Räumen, kumulieren sich Dinge. Und manchmal sitzt am Ende des Tages dann ein kleines, inneres Kind am Tisch und weint, weil es doch zum Geburtstag eingeladen hat und Angst hat, dass niemand zur Party kommt.
Deshalb, Freundinnen und Freunde, ist es in digitalen Zeiten vielleicht so wichtig wie noch nie zuvor, unseren Anstand, unser Mitgefühl und unsere emotionale Verlässlichkeit zu üben. Uns zu bemühen, Halt und Orientierung zu geben, klare Grenzen aufzuzeigen und gegenseitig da zu sein, auf eine erwachsene, sichere Art und Weise. Bindung ist auch digital, und sie kann auch digital nachhaltig, liebevoll und heilend sein.
Nachfolgend also ein paar Impulse, schreibt mir gerne eure, wenn ihr mögt:
1. Behandle die sozialen Medien genau gleich wie das echte Leben. Sprich' freundlich, sag' Hallo, sag' Danke. Ghoste nicht, ignoriere keine Nachrichten, antworte.
2. Nimm' dir immer die Zeit, zu antworten. Auch wenn deine Antwort ein Nein ist. Ein Nein zu einer Einladung, ein Nein zu einer Beziehung, ein Nein zu einem Treffen. Auf der anderen Seite dieses virtuellen Raums ist ein Mensch, der sich verletzlich gezeigt hat. Er hat dich um etwas gebeten, und er verdient eine humane Antwort. Eine Anerkennung seiner Existenz. Er hat dich in sein Leben eingeladen und etwas geteilt, also behandle ihn mit Respekt und Würde.
3. Nimm' dir immer die Zeit, zu antworten. Deine Zeit. All die Zeit, die du brauchst. Lass' dich nicht unter den vermeintlichen Zeitdruck setzen, den die Welt für normal erklärt hat. Die Welt dreht viel schneller, als wir verdauen können. Lass' dich also nicht verrückt machen. Nimm das Tempo raus. Du heilst damit nicht nur dich, du heilst damit auch andere. Denn deine Langsamkeit, dein Warten, dein Hintersinnen, dein Pausenknopf sind eine Einladung an die Welt, es dir gleich zu tun.
4. Und wenn du jetzt nicht weisst, wie du dir Zeit nehmen sollst, ohne, dass es den anderen verletzt, tippe mir nach: Danke für deine Nachricht. Ich brauche gerade mehr Zeit. Ich melde mich. Alles Liebe.
5. Außer, dieser Mensch ist beleidigend, aggressiv und grenzüberschreitend toxisch und benutzt den virtuellen Raum als Spielwiese für missbräuchliches Verhalten. Dann blockiere. Lösche. Erobere dir deinen Raum zurück. Lass die Welt wissen, dass du dir sowas nicht gefallen lässt. Suche dir Hilfe und Unterstützung. Und denke daran: Es ist niemals deine Schuld, wenn du im virtuellen Raum angegriffen wirst. Ich weiß, es ist nicht leicht, weil es sich unkontrollierbar anfühlen kann, weil es dich betrifft, weil du echt bist, und seine Handlungen auch echt sind, real, sehr real. Doch du bist nicht alleine, und du bist es immer wert, deine Grenzen gewahrt zu wissen.
Alles Liebe und bis ganz bald,
Anna
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Wieder ein wunderbarer, inspirierender Text, liebe Anna. Da fällt mir das höflich sein leicht...