Warum Wiederholung kein Scheitern ist — sondern das, was uns zusammenhält
Wiederholung, dachte ich, ist Stillstand. Ist das Leben der anderen. Dann kaufte ich 40 gleiche Kerzen — und verstand, was Rituale mit dem Nervensystem machen.
Es ist diese eine Kerze, die ich anzünde. Jeden Tag. Sie ist elfenbeinfarben, 1.5 cm Durchmesser, eine Stabkerze, obwohl ich Stabkerzen doch eigentlich nie mochte. Sie ist gehalten von einem Kerzenständer aus Messing, schwer und klar, ich habe ihn vor Jahren überteuert in Zürich gekauft, in einem dieser Läden, die nur wenige Dinge in ihren Fenstern ausstellen, wo immer alles geordnet aussieht und unglaublich hübsch, diese Läden, die so aussehen, wie ich mir mein Leben wünsche, gefüllt mit Buntheit und Klarheit, mit weichen Formen und mit Dingen, die mir spiegeln, wer ich bin und was mir wichtig ist.
Früher dachte ich nicht weiter darüber nach, welche Kerzen ich kaufe, ob welche überhaupt, ich wusste nicht einmal, in welchem Schrank ich sie wieder verstaut hatte, ein paar Teelichter, wenn ich ein Date nach Hause brachte, eine Kerze vielleicht im Winter mal, wenn ich wieder ein Buch gelesen hatte über Selbstfürsorge. Doch jetzt ist es plötzlich anders. Ich habe den Messingständer auf meinen Schreibtisch gestellt und ausgemessen, welche Kerze er tragen will, und dann habe ich 40 gleiche Kerzen bestellt.
Ich habe Wiederholung immer gehasst
Wiederholung, hatte ich mir unbewusst ein Leben lang eingeflüstert, ist Scheitern. Ist langweilig. Ist banal. Ist alltäglich. Wiederholung, das ist das Leben der anderen, die jeden Abend um halb Sieben zu Abend essen. Donnerstags ist immer Pasta-Tag, 15 Jahre schon die gleiche Arbeitsstelle, 15 Jahre schon die gleichen Mittagspausen und immer die Frage: Zum Thai, heute, oder zum Bäcker? In diesen Abläufen steckt keinerlei Innovation. Und damit auch kein Leben.
Doch in meiner Ablehnung, in meiner Panik vor Wiederholung, die ich mit dem Sterben allen Lebens gleichsetzte, verlor ich etwas vom Wichtigsten für die menschliche Psyche: Halt.
Rituale bedeuten: Alles ist in Ordnung
Wiederholung bringt Erleichterung. Wiederholung bringt Halt. Wiederholung bringt Orientierung. Unser System braucht Wiederholung, um sich sicher zu fühlen. Um zu wissen, was kommt. Unser Gehirn kann nicht jeden Tag alles neu ordnen, das kostet Unmengen an Energie. Rituale hingegen aktivieren den Parasympathikus – den Teil unseres Nervensystems, der für Entspannung und Sicherheit sorgt. Sie geben dem Körper das Signal, dass alles in Ordnung ist.
Das, was uns im Kleinen hält, wird oft übersehen – oder gar nicht erst mit Zugehörigkeit in Verbindung gebracht. Was macht es schon aus, jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit an der einen Stelle an diesem Baum vorbeizulaufen, der sich mit den Jahreszeiten wandelt? Oder Skirennen schauen mit Papa, im Wohnzimmer, jeden Winter? Doch genau diese unscheinbaren Wiederholungen beeinflussen unser Nervensystem tiefgreifend. Sie sind das, was unser Leben am Ende zusammenhält.
Ein Ritual muss nicht gross sein, nicht geplant, nicht durchdacht. Es kann so einfach sein wie das Anzünden einer Kerze. So lange, bis wir irgendwann spüren: Das hier trägt mich.
xoxo, Anna
P.S.
Ich arbeite gerade an einer Masterclass zum Thema achtsames Elternsein in digitalen Zeiten. Damit sie wirklich das aufgreift, was Familien gerade beschäftigt, habe ich eine kurze, anonyme Umfrage erstellt. Sie dauert nur etwa 2–3 Minuten – und deine Antworten helfen mir sehr, die Inhalte sinnvoll zu entwickeln.
Hier geht’s zur Umfrage:


