Warum ich aufgehört habe, mich mit Yoga beruhigen zu wollen
Das Social-Media-Internet hat uns Jahre weisgemacht: Yoga und Meditation sind die einzig wahren Beruhiger. Doch was, wenn das nicht stimmt?
Wir alle machen Yoga. Ich kenne niemanden, der nicht Yoga macht. Ich selbst mache seit 15 Jahren Yoga, alle paar Monate mal und dann wieder alle paar Wochen, mal 10 Minuten und mal 2 Stunden, aber ich mache Yoga.
Weil das Internet uns seit Jahren sagt, dass wir doch alle Yoga machen sollen. Yoga machen und meditieren. Dasitzen und atmen und in den Bauch atmen und uns beruhigen und uns zentrieren.
Aber kein Mensch hat uns beigebracht, dass das in vielen Fällen gar nicht geht.
Warum?
Weil da Wut ist. Und Angst. Weil wir komplett digital überdreht sind und auf 180.
Weil der Stress an uns frisst und es in uns weiterdreht, wenn wir uns hinsetzen, um zu meditieren oder uns zu strecken.
Das erzwungene Ruhigsein kann schaden
Für einige mag es stimmen, sich hinzusetzen und die Augen zu schliessen. Für viele aber, und vor allem bei ADHS, macht dieses gezwungene Ruhigsein alles nur schlimmer. Weil unser Körper Energie angestaut hat. Viel Energie. Und wir sie nicht rausgelassen haben. Weder mental noch körperlich.
In vielen Fällen also sind Yoga und Meditation nicht die beste Lösung gegen Angst, gegen Stress, gegen Unruhe. Sondern können erst greifen, wenn die Energie losgelassen wurde. Rausgelassen. Rausgeschrien, rausgerannt, rausgeboxt, rausgesungen.
Denn: Ein überaktiviertes Nervensystem lässt sich schwer durch Stille regulieren. Wenn der Körper im Kampf-oder-Flucht-Modus steckt, ist „zur Ruhe kommen“ physiologisch kaum möglich. Studien zeigen, dass bei hoher Stress- oder Traumaaktivierung erst Bewegung, Kraft, Rhythmus oder Stimme helfen, überschüssige Energie abzubauen – bevor Entspannung überhaupt greifen kann. Regulation kommt oft nach Entladung, nicht davor.
Angst ist vor allem eines: Energie
Angst ist Energie.
Wut ist Energie.
Herzrasen ist Energie.
Sturm im Kopf ist Energie.
Wo steckst du sie rein? Wo kann sie hin? Wohin darf sie rennen?
Bevor du dich also das nächste Mal hinsetzt und schlecht fühlst und unfähig und gezwungen, dich auf die vermeintlich einzige Art und Weise zu erden und zu beruhigen, die das moderne Social-Media-Internet dir weisgemacht hat: Lass die Sau raus. Und setz dich danach hin und atme und bewege dich und meditiere und mache Yoga, wenn du willst. Das ist alles wunderbar. Aber lass dir nicht einreden, dass etwas falsch mit dir ist, bloss, weil diese Art der Entspannung nicht die einzig Richtige für dich ist.
xoxo, Lieblingsmensch!
Anna
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Tiefer gehen: Kurs Verbunden · Für Schulen · Buch · Podcast · Für Unternehmen
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Oh ja, das bestätige ich zu 100 Prozent! Ich mache seit 25 Jahren Yoga und unterrichte seit 15 Jahren. Ich kann zwar nicht beurteilen, an welchem Punkt ich jetzt ohne Yoga stehen würden, will dem Hund und Krieger also nicht Unrecht tun, allerdings hat mich nicht Yoga durch meine dunkelsten Stunden getragen, sondern schamanische Retreats, freies Tanzen, Breathwork & somatische Techniken.
Yoga ist eine kontrollierte Technik. Tiefe Heilung entsteht erst, wenn wir Kontrolle und Ausrichtung hinter uns lassen. Und wenn das, was wir oft über Jahre unbewusst mitschleppen, ein Ventil nach draußen findet. Und das sieht selten instagrammable aus :)
Danke für diesen wichtigen Artikel, habe mich voll und ganz gesehen gefühlt.❤️ Allgemein liebe ich es von dir zu lesen, so nahbar und echt !
Ich bin selbst gelernte Yogalehrerin und Traumasensible Achtsamkeitstrainerin. Zwar habe ich durch den Traumasensiblen Ansatz, den Menschen immer gesagt, dass alles eine Einladung ist und sie sich jederzeit bewegen dürfen (auch in einer Meditation) oder den Raum verlassen wenn es zu viel wird. Wir haben meistens am Anfang geschüttelt oder unser Körper abgeklopft, laut augeatmet oder einige Minuten den Raum eröffnet damit jeder und jede das machen kann was sich für die Person gerade richtig anfüllt.
Trotzdem hatte ich innerlich immer diesen Druck, Yoga und Achtsamkeit muss mich schlussendlich ruhiger machen. Heute weiss ich, diese Praxis ist da damit ich wir uns lebendiger fühlen. Und die Kapazität wachsen kann um ALLE Gefühle halten und erfahren zu können.
Nebenbei habe ich angefangen zu Boxen um meine Energie raus zu lassen, beste Entscheidung🥊✨