Warum du Regelmässigkeit in deinem Leben brauchst. Aber anders, als du denkst.
Ich hätte diesen Text am Montag versenden sollen. Zumindest war das die Idee. Regelmässigkeit. Regelmässigkeit, was für die meisten Menschen bedeutet, am gleichen Tag, zur gleichen Zeit, in einer gewissen Kadenz. Montags immer in den Sport, dreimal am Tag das Reel posten, dreimal die Woche laufen gehen, eine halbe Stunde Gitarre üben am Tag, und wenn gesund ernähren, dann jeden Tag fünf Portionen Gemüse.
Ich habe diese Idee der Regelmässigkeit in meinem Kopf, schon immer. Diese Idee, dass sich Dinge, die wir doch tun sollten, und die doch gut für uns sind, sich korrekt wiederholen. In diesem Raster. So schwierig kann das doch nicht sein, denke ich mir immer, du musst es doch einfach bloss um die gleiche Zeit wiederholen.
Und doch scheitere ich. Ich scheitere seit Jahrzehnten. Und ich fühle mich jedes Mal ein bisschen wie eine Verliererin. Jemand, der sich selbst gegenüber die kleinsten Versprechen nicht halten kann. Jemand, der sich selbst belügt. Jemand, der sich nicht genug liebt, um einen blöden, knackigen Apfel zu essen, was wäre schon dabei? Ich wünschte mir manchmal, ich wäre diese Art von Mensch, die mit acht Jahren schon Pferde liebten, und fünfmal die Woche ins Reiten gingen, und in den Sommerferien ins Reitlager, und die wissen, was sie lieben: Pferde und Reiten.
Weil sich, wenn ich an ihre Leben denke, nicht bloss Langeweile in meinem Kopf breit macht, sondern eine Faszination für diese Homogenität. Eine grosse Ruhe. Ich stelle mir dann vor, wie schön sich das anfühlen muss, wie klar, wie ruhig, wie determiniert, wie rund, wenn man weiss, dass es diese eine Sache gibt, die man liebt, und die man regelmässig wiederholt. Dieser Halt, der damit einhergeht. Diese Ruhe, dieser Fokus. Ich habe Menschen, die sich leidenschaftlich einer Sache verschreiben und die jeden Morgen um die gleiche Zeit aufstehen und die sich an den meisten Tagen ihres Arbeitslebens am gleichen Ort befinden und die vor allem zufrieden damit sind, auch immer beneidet.
Seit das Digitale unseren Alltag immer stärker durchdringt, durchdringt auch das Kleinteilige unsere Leben. Die vielen Optionen, die vielen Farben, die vielen Meinungen. Aber auch die vielen verschiedenen Richtungen, die unterschiedlichen Zeiten, die kleinen und grossen Aufgaben auf all den verschiedenen Kanälen. Es gibt zwar das eine Internet, doch darin sind Milliarden kleiner Welten. Und das Internet, das gibt uns, mal abgesehen von Sunday-Newslettern und meinem eigenen, der dir gerade mehr Regelmässigkeit und Halt geben könnte - wenig Halt. Gar keinen Halt. Weil alles jederzeit verfügbar ist. Weil das Internet keine Öffnungszeiten hat. Keinen Rhythmus. Was seine ganz tollen Seiten hat, weil wir jederzeit alles können. Doch es fehlt darin auch eben: Struktur.
Dabei sind Rhythmus und Regelmässigkeit etwas vom Wichtigsten für die Psyche. Sie geben Halt, Orientierung, beruhigen das Nervensystem. Den einen gelingt Rhythmus und Regelmässigkeit leichter, für andere ist das sehr schwierig. Für mich ist es sehr schwierig. Ich bin also viele Jahre an Regelmässigkeit und Rhythmus verzweifelt und verzweifle immernoch. Und in Zuge dieser Verzweiflung, die ja auch immer eine Auseinandersetzung ist, habe ich mir ein paar Dinge überlegt, die mir geholfen haben.
1. Definiere Rhythmus und Regelmässigkeit neu
Ich habe beispielsweise erkannt, dass Rhythmus nicht bedeutet, dass etwas gleich bleibt und immer gleich ausgeführt werden muss. Es bedeutet lediglich, dass dem Alltag, dem Leben ein Puls, ein Ton, ein Wechsel innewohnt. Ein Rhythmus eben, nach der Definition von Wikipedia ein “gleichmässiger Wechsel, eine regelmässige Wiederkehr, ein Gleichmass”. In welcher Form: egal. In welchem Wechsel: egal. In der Sprachwissenschaft wird Rhythmus definiert als “Gliederung des Sprachablaufs durch Wechsel von langen und kurzen, betonten und unbetonten Silben, durch Pausen und Sprachmelodie”. Was ich sehr schön finde. Weil wir das auch auf unser Leben ausweiten können und fragen:
Wann will ich etwas kurz tun? Und wann über lange Zeit?
Wann möchte ich es intensiv tun, und wann unbetont, wann lasse ich es also einfach dahinplätschern, ohne grossen Einfluss?
Und wann mache ich Pause? Und wann starte ich? Und wann bin ich voll da, und wann lasse ich es los, wenn auch nur für den Moment?
Welchen Dingen widme ich mich jeden Tag, welchen einmal im Monat, und wo ist Rhythmus vielleicht, dass ich alle vier Jahre im Sommer alleine ans Meer fahre?
Ist es nicht auch Regelmässigkeit, wenn ich Holunderblütensirup mit Sprudelwasser mag, und ihn immer dann trinke, wenn ich mich selbst trösten will?
2. Finde Zeit für schöne Dinge - und wähle aus einer grossen Seifenblase
Ich habe mich ausserdem damit abgefunden, dass ich nur ganz wenige Hobbies habe, wenn überhaupt, und sehr viele Interessen. Was laut Definition Dinge sind, die wir lieben und die uns interessieren, die wir aber vielleicht nicht so regelmässig ausführen, dass sie als Hobby durchgehen. Ich habe beispielsweise die analoge Fotografie, die ich liebe, ich habe die analoge Kamera, die ich auch liebe, und ich habe neu entschieden, dass ich sie auch leidenschaftlich lieben kann, ohne auch nur je öfter als zweimal im Jahr damit etwas auszuprobieren.
Und so ist mein Rhythmus darin eben gar keiner, und trotzdem bin ich mit der analogen Fotografie verbunden, und vielleicht mache ich dann mal einen Intensivkurs, und habe meine Struktur und meinen Rhythmus dort.
Ich habe mir diesen inneren Raum geschaffen, diese Liste, diese Seifenblase, gefüllt mit all meinen Interessen, lesen und schreiben und Trash-TV und einmachen und kochen und DIY und wandern und…, und dann ziehe ich innerlich das Los, oder wähle einfach, was aus diesem wunderbaren Buffet zu wählen ist, und verbringe eine schöne Zeit damit. Und das ist dann mein “Hobby-Rhythmus”.
Und natürlich denke ich dann jedes Mal, wenn ich es dann endlich schaffe, wandern zu gehen, dass ich in einen Wanderclub will, und dann fünfmal die Woche wandern, im Sommer in die Wanderferien oder gleich ganz auf die Alp, im Sommer, und helfen, die Schafe zu hüten. Und dann erinnere ich mich kurz daran, wie ich bin, und lache mittlerweile, und weiss: Die grösste Chance einer Umsetzung in meinem Fall besteht tatsächlich in der Idee des Sommers mit den Schafen - wenn überhaupt.
3. Finde auch im Digitalen einen Rhythmus, der dir gut tut
Dann habe ich natürlich das Digitale für mich rhythmisiert - und darüber ein ganzes Buch geschrieben, das würde den Ramen eines Textes hier sprengen. Aber, als Gedankenanstoss: Das Internet hat keinen inhärenten Rhythmus. Das heisst aber nicht, dass du ihm keinen geben kannst. Wann und wie bündelst du? Wann gehst du online? Was möchtest du wie lange konsumieren? In welchen Abständen willst du posten? Brauchst du Struktur? Wenn ja, in welcher Form? Welche Tage und Zeiten sind in deinem Leben sehr digital, und wo findest du deinen Ausgleich dazu, deine Pause? Einen digitalen und analogen Rhythmus zu finden, ist etwas vom Wichtigsten, was du in digitalen Zeiten tun kannst, um dich zu schützen und neu aufzutanken. Mehr zum Thema schreibe ich in meinem Ratgeber “verbunden” - und mehr dazu erarbeitest und lernst du auch in meinem Kurs.
4. Finde einen Arbeits- und Lebensrhythmus, der zu dir passt
Auch sehr geholfen hat mir die Rhythmus-Übersicht von Cal Newport, mich in einer 8-5 Arbeitswelt zurechtzufinden, nach der ich nunmal nicht funktioniere. Newport unterscheidet - auf die Arbeit bezogen - zwischen vier Modi: monastisch, bimodal, rhythmisch und journalistisch. Im monastischen Modus zieht man sich vollständig zurück, im bimodalen wechselt man zwischen “zwei Welten”, im rhythmischen hat man eine geregelte Zeiteinheit pro Tag und im journalistischen bearbeitet man etwas immer dann, wenn es sich zeitlich ergibt.
Ich nutze zum Beispiel die Mönchsmethode, also den monastischen Rhythmus, wenn ich grössere Arbeitsschritte vor mir habe, die meine totale Konzentration erfordern und die ich in einem grossen Wurf in relativ kurzer Zeit produzieren will. Bimodal bin ich immer dann unterwegs, wenn ich ein paar Tage lang total frei mache und dann intensiv arbeite oder Montag bis Mittwoch Schreibtage einplane und die restlichen zwei Tage für Calls oder Treffen reserviere. Die letzten beiden Rhythmen, rhythmisch und journalistisch, sind einfacher in den Alltag zu integrieren - und lohnen sich beispielsweise dann, wenn man Kinder hat. Konkret planst du dir immer dann Zeit ein, wenn du sie dir freischaufeln kannst. Entweder jeden Tag zur gleichen Zeit oder schlicht immer dann, wenn sich spontan ein Zeitfenster auftut. Mehr dazu findest du in meinem Buch "verbunden” oder im Buch “deep work” von Cal Newport.
Und, aber: Manchmal gibts auch keinen Rhythmus. Dann fällt alles langsam oder total schnell auseinander und alles steckt im Chaos. Auch das gehört zum Leben. Das Wichtige ist bloss, dass wir es irgendwann merken. In uns reinspüren.
Und uns dann fragen:
Wie kann ich dieses Leben, diesen Alltag, diesen Task, diesen Moment wieder so ordnen, wieder so komponieren, dass ich meinen eigenen Rhythmus wiederfinde, der mich hält und mir gut tut?
Nun wünsche ich dir, an einem Donnerstag, all das, was ich dir schon am Montag wünschen wollte: Liebe, Verbundenheit, Zuversicht. Eine gewisse Entspanntheit mit deinem eigenen Ryhthmus, deinem hormonellen, deinem gedanklichen, deinem Schlafrythmus und deinem Lust-auf-Süsses-Rhythmus. Denn das wohl Wichtigste ist doch: Wir alle haben ihn, den inneren Rhythmus, ein Gefühl dafür, wann wir etwas tun wollen, wann wir wofür Energie haben. Wir sind Ebbe und Flut, und wir brauchen im Aussen eine Struktur, die uns hilft und uns hält, nach unserem eigenen Rhythmus suchen und ihn finden zu können. Damit wir, gehalten vom Aussen, so leben können, wie wir es brauchen.
Wie lebst du deinen Rhythmus? Hast du Gedanken und Erfahrungen, die du mit der “verbunden”-Community teilen willst? Schreib mir oder kommentiere. Ich freue mich auf deine Zeilen und auch auf deine Unterstützung!
Ich schreibe diesen Newsletter mit viel Herzblut, wie alles andere, was ich in die Welt bringe. Unterstütze meine Arbeit mit einem Abo hier auf Substack oder schenke meine Gedanken und Kurse einem Menschen, den du liebst (oder gerade nicht).
Ich biete Coachings, Schreibkurse und Begleitung in mental health Themen und digitaler Achtsamkeit. Möchtest du mehr über mich und meine Arbeit erfahren, besuche mich virtuell auf www.anna-miller.ch oder auf Instagram.
Möchtest du weniger scrollen und mehr Zeit für das, was dir Energie und Verbundenheit gibt, bist du bei meinem Kurs “verbunden” richtig.

