Familie und Trigger: Warum wir am Esstisch immer wieder zwölf Jahre alt sind
Wir sind erwachsen, reflektiert, therapiert — und dann reicht ein Satz unserer Mutter, und alles ist wieder da. Warum Familie das einzige System ist, das unsere Entwicklung zuverlässig ignoriert.
Manchmal muss ich noch nichtmal aus dem Auto steigen. Nichtmal richtig ankommen, klingeln und auf eine Umarmung warten, fragen, wie der Tag war und mich erstmal in Ruhe darüber freuen, dass ich irgendwo dazugehöre und es bald Geschenke gibt. Sie liegt mir schon in den Ohren, bevor ich überhaupt da bin. Diese Stimme meiner Tante, schrill und voller Leben, voller Liebe und sehr viel Fürsorge, die ich nie bestellt habe. Diese Frau, die fragt, warum ich diese Strecke gefahren bin, und keine andere? Ist doch klar, dass dort Stau ist und das jeder weiss und anders gefahren wäre? Sag mal, hast du denn nicht die Nachrichten gehört, warum hörst du kein Radio, spinnst du? Und überhaupt: Ich hätte auch mal anrufen können.
Familie.
Sie ist das Mahnmal, das uns zuverlässig daran erinnert, dass wir noch immer die gleichen Trigger haben wie vor 20 Jahren. Familie ist, dass wir uns nach zwei Minuten in der Tür fragen, warum wir uns das immer noch antun, wir hatten uns doch geschworen: Nie wieder Familienessen, nicht schon wieder Weihnachten, nicht noch ein Sonntag im Sommer auf der Veranda. Nicht schon wieder mit 35 Jahren an einem Tisch sitzen müssen und sich Sprüche anhören zu allem, was ich scheinbar falsch mache oder noch nicht begriffen habe oder offenbar kommentiert werden muss: Erziehung, Beziehung, politische Einstellung, Frisur, Körpergewicht, Trennung, Job, Artensterben.
Wenn das Erwachsensein plötzlich wieder Kindheit wird
Warum passiert das immer wieder? Und warum zieht es uns dann doch immer wieder zurück, an diesen Familientisch, in dieses Nest, das sich von Weitem wohlig anfühlt, von Nahem aber so ungemütlich?
Kommentare am Familientisch sind selten neutral. Sie treffen uns. Sie öffnen alte Wunden. Wir hören Kritik heraus, einen Angriff auf unsere Identität. Weil wir geliebt werden wollen. Weil wir gewachsen sind. Weil wir anders miteinander umgehen. Weil wir doch irgendwie hoffen, dass wir uns anders entwickeln können, aber trotzdem alle nett und anständig und liebevoll miteinander sind. Und wir uns einfach ertragen, mehr noch: schätzen können.
Doch stattdessen fühlen wir uns missverstanden. Verletzt. Gekränkt. Und die Menschen, die uns die nächsten sein sollten, kommen uns plötzlich vor wie Fremde.
Mir hilft es immer, die Psychologie heranzuziehen, weil sie mir hilft, Empathie zu entwickeln. Für mich selbst und die anderen. Weil sie mir erklärt, warum ein Mensch funktioniert, wie er eben funktioniert. Und mir damit auch sagt: Ganz oft hat das alles gar nichts mit dir zu tun.
Das Anderssein akzeptieren
Schauen wir genauer hin, steckt nämlich hinter den Kommentaren, Bewertungen und Witzen der Versuch, Halt zu finden. Familie ist ein System, das über Wiederholung funktioniert: gleiche Rollen, gleiche Rituale, gleiche Geschichten. Dieses System gibt Sicherheit – und reagiert empfindlich, wenn etwas ins Wanken gerät.
In der aktuellen Folge von Project Happy - der Podcast spreche ich darüber, wie du Familienessen entspannter überstehst, alte Muster erkennst und gelassen bleibst – auch wenn dich deine Familie triggert. Hör gerne rein!
Hier geht’s zur Podcast-Folge „So überlebst du Weihnachten mit deiner Familie“ direkt in Substack:
Oder hör’ dir die Folge direkt auf Spotify und Apple Podcasts an.
Das ist meine letzte Folge für 2025 und der Podcast geht in eine kleine Weihnachtspause. Am 09.01.2026 erscheint die nächste Folge von Project Happy - der Podcast.
Was als Angriff daher kommt, ist in Wahrheit ein unbeholfener Versuch, das Vertraute zu sichern.
Wenn deine Schwester die Kinderfrage anspricht, obwohl du schon hundert Mal gesagt hast, dass du keine willst, spricht aus ihr nicht nur Neugier oder Bosheit. Sondern innere Spannung. Sie hält es schlicht nicht aus, dass etwas anders ist, als sie es kennt.
Viele Kommentare entstehen in einem Moment solcher innerer Spannung. Jemand spürt etwas, das er nicht regulieren kann: Unsicherheit, Angst, vielleicht auch Neid oder Scham. Statt dieses Gefühl bei sich zu halten, wird es nach außen abgegeben – in Form eines Kommentars. Psychologisch ist das ein klassischer Abwehrmechanismus: das Unausgesprochene wird projiziert. Anstatt zu sagen „Ich bin gerade unsicher, weil du dich veränderst“, kommt heraus: „Warum bist du so?“
Innere Spannung: Woher die verletzenden Sprüche wirklich kommen
Familie macht diese Dynamik besonders sichtbar, weil dort die Schwelle, Emotionen roh und ungefiltert auszudrücken, viel niedriger ist. Am Esstisch wird nicht reguliert – am Esstisch wird entladen. Kommentare sind ein Ventil für Bindungsangst. Sie entstehen, wenn jemand spürt: Etwas verschiebt sich, und ich habe keine Kontrolle darüber. Statt die Angst zu benennen, wird einfach von sich gewiesen. Das ist einfacher und weniger bedrohlich.
Für das Selbst genauso wie für das System Familie als Ganzes: Familie muss so tun, als wäre alles wie immer, um das System zusammen zu halten. Familie funktioniert wie ein Organismus, der sich selbst stabilisiert. Jede:r übernimmt Rollen – die Friedensstifterin, der Clown, die Rebellin. Auch wenn du längst erwachsen bist, zieht dich das System zurück in deine alte Rolle. Es ist, als würde dein Platz am Tisch dich festnageln. Soziologisch betrachtet spiegeln die Kommentare den Wunsch nach Kontinuität: Bitte bleib so, damit nichts zerfällt.
Wie du dich schützen kannst
Seit ich das verstanden habe, kann ich besser mit diesen Situationen umgehen. Es ist immer noch nervig, es ist immer noch unverständlich oft. Weil ich dann auf meine eigenen Muster pralle: Beispielsweise, zu meinen, jeder Mensch auf dieser Welt müsse reflektiert sein und wissen wollen, warum er funktioniert, wie er funktioniert.
Doch das tun sie nicht. Sie sind, wie sie sind, und sie werden es wohl noch lange bleiben. Das ändert nichts daran, dass der Tisch gedeckt ist. Und ein Platz für dich frei. Egal, wie schwierig diese Stunden manchmal sein können - etwas Schönes bleibt. Du gehörst dazu. Du hast einen Platz in diesem System. Mach’ das Beste draus. Es ist nicht selbstverständlich.
xoxo, Lieblingsmensch! Auf gute Festtage. Und uns!
Anna
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