Zu viel Kontrolle, zu wenig Urvertrauen: Warum uns das digitale Leben verunsichert
Das moderne Leben verspricht uns Kontrolle in allen Lebenslagen. Doch das macht kaputt, was wir im Grunde unserer Seele brauchen: Urvertrauen, dass alles gut kommt. Auch wenn wir nicht wissen, wie.

Wir leben in einer Zeit, in der fast alles vorhersehbar, messbar und optimierbar geworden ist. Wir tracken unseren Schlaf, analysieren unsere Gefühle, planen unsere Karrieren, therapieren jede Gefühlsregung, besprechen jede Beziehungsdissonanz.
Fühlen wir uns dabei besser?
Ich glaube, das Gegenteil passiert: Je mehr Kontrolle wir vermeintlich haben, über Apps, Programme, über Worte und Taten, desto eher schleicht sich diese fundamentale Angst vor dem Leben ein. Dass dann doch etwas passiert, das wir nicht kontrollieren, nicht wegmachen, nicht verbessern können. Dass wir am Ende so, wie wir sind, nicht geliebt werden, egal, wie sehr wir uns optimieren.
Dass wir den Tod, Krankheit, Trennung, Verlust nicht aufhalten können. Dass wir dann doch altern, dass wir dann doch vielleicht die Liebe nicht halten können, das sexuelle Feuer am Lodern. Dass Beziehungen zerbrechen und wir im Streit dann trotzdem schreien, dass wir uns 15 Jahre therapieren können und dann doch Gefühlsschwankungen und Ängste haben und uns immer noch fragen, ob wir das richtige Leben leben und mit dem richtigen Menschen zusammen sind.
Das Digitale trainiert uns ab, das Leben auszuhalten
Je stärker uns das digitale Leben suggeriert, dass es für jeden Makel ein Programm und für jede Frage eine Antwort gibt, desto stärker geraten wir ins Schlittern, wenn die Dinge vage bleiben. Wenn die Dinge Zeit brauchen. Wenn nicht alles sofort schwarz oder weiss, ja oder nein, an oder aus ist.
Das Digitale, das Sofortige, es trainiert uns ab, das Leben auszuhalten und uns selbst, in dieser ganzen Imperfektion, diesem ganzen, endlosen Normalzustand, den niemand von uns mehr digital zu Gesicht bekommt - alles glattgebügelt.
Ich kann jede erdenkliche Unsicherheit googeln und bekomme Seiten angezeigt, auf denen andere Menschen die gleichen Probleme schildern wie ich, für einen kurzen Moment gibt mir das Halt.
Ich habe vermeintlich Kontrolle über mich selbst, das Wetter, die anderen. Über meine Probleme, mein Bankkonto, darüber, was andere von mir sehen sollen. Doch wenn das Leben dann mal eintritt, dann fühle ich mich seltsam unwappnet, unfähig, zu wissen, was zu tun wäre, alles, scheint mir manchmal, was ich ganz sicher weiss, ist, wie ich Chatgpt öffne und danach frage, was ich jetzt tun soll.
Von der Fähigkeit, mit Zwischentönen umzugehen
In der Psychologie nennt man das, was uns hier abhanden zu kommen scheint, Ambiguitätstoleranz: Die Fähigkeit, mit Zwischentönen umzugehen. Verschiedene Wahrheiten gleichzeitig stehen lassen zu können. Sowohl das Eine als auch das Andere fühlen zu können, ohne daran zu zerbrechen. Die Welt braucht diese Fähigkeit, sie ist komplexer denn je.
Und gleichzeitig scheint uns das Internet ständig zuzuflüstern: Es gibt für alles die eine, perfekte Lösung. Die eine App. Während es uns gleichzeitig tausend Filme zeigt, hunderte Mähroboter und 18 verschiedene Klingeltöne, aus denen wir dann aussuchen dürfen, was individuell zu unserem Leben passt.
Und genau hier beginnt die Tragik des Kontrollversprechens: Es macht dich nicht stark. Es macht dich empfindlich. Weil es dir eine Welt suggeriert, in der Ungewissheit eigentlich nicht mehr vorkommen dürfte. Eine Welt, in der das Vage eine Panne ist. Ein Fehler im System. Etwas, das man sofort beheben muss.
Weniger Kontrolle, mehr Urvertrauen
Vielleicht ist das der Moment, in dem du aufhören musst, nur über Kontrolle zu sprechen – und anfangen musst, über Urvertrauen zu sprechen. Nicht als kitschiges „Es wird schon gut“, sondern als stilles inneres Wissen: Ich werde nicht zerbrechen, wenn es unklar wird. Ich kann bleiben, auch wenn ich nicht weiss, wie es weitergeht. Ich muss offene Fragen nicht sofort schließen, um handlungsfähig zu sein. Ich darf leben, auch ohne Garantie.
Und vielleicht ist Urvertrauen heute genau das: nicht weniger denken, nicht weniger planen – sondern öfter einen Schritt zurück. Nicht sofort googeln. Nicht sofort lösen. Nicht sofort entscheiden. Einen Moment länger im Dazwischen bleiben, bis dein Körper merkt: Unklarheit bedeutet nicht automatisch Gefahr.
Wo versuchst du gerade Kontrolle zu bekommen, obwohl du eigentlich Urvertrauen bräuchtest?
xoxo, Anna
PS: Ich mache jetzt ein bisschen Sprung ins Nass und Sprung ins Analoge. Und mache hier Sommerpause. Wir hören und lesen uns im September wieder! Vill Liebi für dich!
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