Ortswechsel und Psyche: Warum jede kleine Veränderung eine stille Krise auslöst
Wir reden über die grossen Umbrüche — Trennung, Jobverlust, Umzug. Aber niemand spricht über das leise Fremdeln an neuen Orten. Warum auch die kleinste Verschiebung im Aussen etwas in uns verschiebt.

Grosse Verschiebungen bringen manchmal grosse Angst mit sich, und allen ist das klar, es ist so offensichtlich.
Natürlich hast du Angst, sagen wir dann alle, du gehst schliesslich gerade durch eine grosse Veränderung hindurch. Warum sollte alles bleiben, wie es ist, in dir?
Doch manchmal verschieben sich auch die kleinen Linien, fast unbemerkt. Und auch das macht etwas mit uns.
Doch das vergessen wir gerne.
Wir fahren dann vielleicht an einen Ort und setzen uns in ein Hotelzimmer oder in eine Lobby oder an einen Flughafen oder einen Tisch in einem neuen Restaurant und freuen uns, dass wir ein Abenteuer erleben, nur mal so, ein paar Stunden, ein paar Tage. Nichts Grosses, bloss mal wieder: weg.
Wir sind vielleicht gar nicht furchtbar weit weg von Zuhause, ein paar Stunden vielleicht, wir sind nicht um die halbe Welt geflogen, wir sind vielleicht bloss etwas höher gefahren und wollten uns ein paar Tage Zeit nehmen, um auszuspannen. Wir haben einen kleinen Koffer dabei und innerhalb von 20 Minuten alles ausgepackt.
Alles ist gut und neu und schön - bis sich etwas verschiebt
Es wirkt zuerst, für ein paar Minuten, für ein paar Stunden alles wunderbar. Wir haben viel Energie. Wir freuen uns auf alles, was noch kommt und haben ganz viele Ideen, was wir hier noch alles tun und entdecken können. Wir sind befreit von unseren Altlasten, vom Vergangenen, von all den Pflichten, die zuhause auf uns warten, alle Emails, die wir jetzt ein paar Tage lang ignorieren können.
Alles ist gut und neu und schön.
Bis sich etwas verschiebt. Bis unser System merkt: Es ist nicht bloss neu und befreiend, es ist auch seltsam fremd.
Wir haben vielleicht nicht mehr die Kaffeetasse zur Hand wie sonst. Wir haben keine Tagesstruktur. Wir merken, dass es schnell dunkel wird, dass das Zimmer ringhörig ist, dass wir vielleicht ein Paar Socken vergessen haben. Vielleicht sind wir in der Höhe, auf über 1000 Meter über Meer, und unser Körper muss sich erst an das Klima gewöhnen.
Du hörst Geräusche, die du nicht kanntest, oder hörst zu wenig, vielleicht nichts, was du kennst. Dein Zimmer ist zu kalt oder zu heiss, vielleicht ist die Heizung ständig an und deine Nase wird trocken, vielleicht beginnst du, zu husten. Du weisst nicht, wo der Laden ist, in dem du einkaufen willst, du weisst nicht, wie lange der Bäcker auf hat und welches Brot du kaufen sollst. Du weisst nicht, welches Restaurant das Beste ist und welches Küchenpersonal das netteste, und du kennst auch keine Strasse hier, keinen Baum, keine Witterung, keine Wanderroute.
Die kleine Krise, die Zeit braucht
Alles Unbekannte lässt Raum in uns frei. Ein neuer Ort fühlt sich weit an, Raum, der leer ist, ungefüllt.
Du wirst dich, wenn du dich frei und neu fühlst, auch immer ein bisschen unwohl und verloren und einsam und alleine und überreizt fühlen. Wann immer du deinen Standort änderst, wann immer du eine Reise unternimmst, wann immer du alleine an einen neuen Ort kommst oder die Gegend wechselst oder die Höhe, wirst du eine kleine Krise haben, ganz kurz vielleicht, ganz leise, aber doch. Kurz wird dein Körper reagieren, wird dein Unterbewusstes Zeit brauchen, um sich an dieses neue, temporäre Leben zu gewöhnen.
Alles braucht Zeit. Auch das.
Wenn du also das nächste Mal schlecht geschlafen hast, dich plötzlich unsicher fühlst, mehr Angst hast als sonst, dich nicht mehr so gut orientieren kannst, in dir, überprüfe: Bin ich an einem neuen Ort? Hat sich etwas in meinem Leben verändert? Ist etwas Neues eingetreten, ist etwas Altes gegangen? Wir sind Gewohnheitstiere, ganz egal, wie sehr wir das Abenteuer ersehnen.
Alles, was sich verschiebt, verschiebt sich auch in deiner Seele.
Lass dir Zeit, anzukommen.
xoxo, Anna
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