Über Morgenangst, Leistungskultur und die Sehnsucht nach einem langsamen Start
Nichtmal richtig wach, und schon ist sie da: die Sorge, nicht zu genügen, den Tag nicht zu schaffen, im Strudel der Aufgaben unterzugehen. Über die stille Revolution, den Morgen langsam zu beginnen.

Manchmal wache ich auf und starre an die Decke und die Gedanken rasen schon. Die ganze Welt hat sich gefühlt schon in mich hineingedrängt und festgekrallt, innerhalb von Sekunden, hineingedrängt in diesen zarten, doch so verletzlichen Zwischenraum zwischen Traum und Wachsein. Zwischen einem Ort und einer Zeit, die nur mir und meiner Seele gehört, und der Version von mir, die scheinbar nur der Welt gehört.
Die funktioniert.
An alles denkt.
Alles jonglieren muss.
An Pläne und to do’s herumdenkt und daran, was ich alles noch nicht getan habe und was noch zu tun wäre. An all das, was ich zu sein meine, aber noch nicht bin und vielleicht nie sein werde.
All die Last eines vollen Lebens, eines vollen Terminkalenders, einer vollen, digitalen, verrückten Welt lastet plötzlich auf meinen Schultern, noch bevor ich einen richtigen, tiefen Atemzug nehmen kann und mir klarmachen: Mein Gott, ich lebe, das ist doch ein Wunder, was soll jetzt schon passieren.
So wie mir geht es sehr vielen Menschen, vielleicht auch dir: Wir liefern und funktionieren für die Welt, aber vergessen uns selbst. Wir spüren die anderen, aber spüren kaum je noch uns selbst.
Wann gehörte der Morgen das letzte Mal nur dir alleine?
Wir beginnen unsere Tage schon mit hunderten Gedanken und Gefühlen der anderen, den Anforderungen der Anderen, den Sorgen und Bedürfnisse der Anderen, aber stellen uns hintenan. Wir liegen noch im Bett und greifen schon zum Smartphone, halbwach, um das Tor zu einer ganzen Welt zu öffnen, zu den Tausenden, abertausenden Gefühlen und Problemen von uns fremden Menschen.
Wir gehen, kaum die Augen aufgeschlagen, in Gedanken schon die Pendenzen fürs Meeting durch oder die Einkaufsliste, wir drehen uns zu unserer Partnerin um oder stehen auf und wecken unsere Kinder, um ihnen Liebe zu geben, Nahrung und Aufmerksamkeit, eine Tagesstruktur, was man eben tut, als Mensch, der cared.
Und so geht das den ganzen Tag weiter. Bis wir uns abends traurig und leer in ein Bett fallen lassen, um möglichst viel Schlaf zu kriegen, den wir so dringend brauchen, um am nächsten Morgen wieder für alle zu leisten.
Doch wann hast du eigentlich das letzte Mal für dich selbst gecared, morgens?
Als erste Handlung des Tages?
So lange, wie du es brauchst?
So, wie du es brauchst?
Wann hast du dich wirklich frei gefühlt, dich einfach mal in Ruhe zu lassen, so, wie du bist?
Dich nicht schon morgens mit einer Instagram-perfekten Morgenroutine belastet, mit Yoga und Meditation, obwohl du das gar nicht magst, mit Sport, obwohl du eigentlich doch lieber länger geschlafen hättest, mit „komme sofort“, wenn du doch lieber gesagt hättest: Lasst mich mal kurz alle in Ruhe?
Wann hast du das letzte Mal wirklich einen Morgen gehabt, einen Start in den Tag, der nur dir gehörte?
Der so langsam anfing, wie es gut für dich ist?
Der dir den Raum gab, dich zu spüren?
Wo kein Druck der Welt auf dir lastete, und du keinerlei Erwartungen zu erfüllen hattest?
Wo einfach mal Ruhe war. Im Kopf. Im Körper. In deiner Seele. In deinem Raum.
Auch wenn das für dich gerade klingt wie ein ferner, lächerlicher, naiver Traum, weil du Kinder hast, eine Partnerschaft, ein Email-Postfach, das du schon vor Arbeitsbeginn durchforsten musst, um überhaupt mit der Arbeit beginnen zu können: Ein solcher Morgen ist möglich.
Er ist nicht nur möglich, er ist eine Notwendigkeit.
In der aktuellen Folge von Project Happy - der Podcast spreche ich über all das. Und über drei Dinge, die mir geholfen haben, weniger Morgenangst zu haben, ruhiger in den Tag zu starten - und vor allem: mir selbst wieder näher zu sein.
Hier geht’s zur Folge 3 Dinge, die deinen Morgen wirklich verändern direkt in Substack.
Oder hör’ dir die Folge direkt auf Spotify und Apple Podcasts an.
Denn: Ein solcher Morgen steht dir zu. Und er kann der Beginn einer Antwort sein - auf eine Leistungskultur, die uns kaputt macht. In welcher ein Morgen nur ein gelungener Morgen ist, wenn er produktiv ist. Wenn er zu deinem Lifestyle passt. Wenn er aus Skincare und Meditation besteht, aus Disziplin und Selbstaufopferung, aus früher aufstehen, um noch mehr zu schaffen.
Ich setze mich in letzter Zeit immer öfter mit Fragen auseinander wie: Was und wer bin ich, wenn ich einfach aufhöre, für andere zu leisten? Was heisst weniger, aber besser? Was heisst langsamer, und dafür schöner? Wann ist genug gut genug? Und wie können wir in einer immer schnelleren, lauteren, getriebeneren Welt präsenter, wacher, ruhiger, fokussierter, offener, verletzlicher und erfüllter leben? Es scheint ein solcher Gegensatz zu sein. Es scheint manchmal so falsch.
Still zu sein, obwohl die Welt so an einem zerrt.
Nichts zu wollen, obwohl die Welt doch alles von einem verlangt.
Langsam zu arbeiten, obwohl doch alles auf Effizienz ausgerichtet ist.
Wenig zu tun, obwohl doch alles im Überfluss gleichzeitig möglich scheint.
Ich glaube, genau darin liegt die neue Revolution der Verbundenheit. Zu uns selbst, anderen, der Welt: Darin, dass wir sagen: Ich höre auf. Ich lasse los. Ich wähle weniger. Ich spüre mich wieder. Ich erobere zurück. Meinen Raum. Meinen Platz. Meine Zeit.
Es ist kein einfacher Weg. Doch du kannst ihn gehen, wenn du willst. Und: Du bist nicht alleine damit. Du kannst ihn mit uns gehen, mit mir und anderen aus der Community von Project Happy.
Dieser Weg fängt mit vielen, kleinen Schritten an. Manchmal bereits in diesem Augenblick deines ersten Atemzugs am Morgen, wenn du in diese Welt zurückkehrst, aus deinem Schlaf.
Und sagst: Hallo, Welt. Warte kurz. Ich bin gleich bei dir. Aber zuerst: bin ich bei mir.
xoxo, Lieblingsmensch.
Schön, sind wir gemeinsam hier.
Anna
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