Wir halten alles zusammen — bis jemand uns hält
Sie sagte, es sei nicht so schlimm, alles okay, lass uns die Küche aufräumen. Und dann liess sie sich fallen. Über die vergessene Kunst, füreinander da zu sein — ohne Worte, ohne Lösung, einfach da.
Ich war das Pflaster. Meine Arme legten sich um sie wie die Enden, die man um den Finger wickelt, für den Halt. Wir hatten davor Stunden geredet, wir hatten alles Mögliche diskutiert, wir hatten zugehört und gelacht, wir hatten geschwiegen und analysiert.
Sie hatte zuvor noch ein paar dieser Sätze gesagt, die alle sagen, wenn es ihnen nicht recht ist, dass sie Raum einnehmen, wer will denn schon die Stimmung vermiesen, wer will denn schon zur Last fallen, nein nein, nicht so wichtig, lass uns die Küche aufräumen, es ist noch so viel zu tun, wir sind doch erwachsen und sowieso, es ist nicht schlimm, nicht so schlimm, schon gut, wir müssen weiter, mach dir keine Umstände, alles okay, okay?
Doch ich legte mich um sie wie ein Pflaster, weil ich wusste: Irgendwann kommt der Moment. Irgendwann nämlich, nach all den Worten und dem Ringen mit sich selbst und der Scham und Angst davor, schwach zu sein und als schwach gesehen zu werden, kippt etwas. Der Körper wird plötzlich weich, weil er weiss, dass der andere bleibt, dass es wirklich in Ordnung ist, dass da Raum ist, der sonst nirgends ist.
Und so liess sie ihre Schultern fallen, hielt ihren Atmen nicht mehr an, liess sich fallen in meine Arme und in mein Leben und in meine Zeit. Sie liess sich fallen und weinte und wurde ganz müde, und ihr Körper sackte in mich hinein, weil er wusste: er wird gehalten.
Wir Frauen können alles. Wir lieben und wir caren und wir füttern und wir kochen und wir waschen und wir denken. Wir rennen und reden und halten alles zusammen, wir halten uns zusammen und unser Leben und das Leben der anderen und die Liebe halten wir zusammen, wir sprechen Beziehungsprobleme an und wir sorgen uns um unser Kind, wir verhandeln in Gehaltsrunden hart und fragen uns dann trotzdem immer, ob wir es richtig gemacht haben, ob die Welt wirklich so hart ist oder wir bloss zu weich, ob es reicht, wie wir aussehen, warum unsere Beine nicht lang genug sind und unser Atem nicht nach Blumen riecht.
Es gibt Wunden, die heilen nicht, es gibt Wunden, die heilen nie, es gibt Leben, die nie perfekt sind und es gibt Leben, die viel tragen, und deshalb ist es wichtig, dass wir ab und zu rasten können, abladen, alles von den Schultern heben und auf den Boden stellen, wenn auch nur kurz.
Ich bin dein Pflaster, ich lege mich um dich
Dass da jemand ist, der sagt, ich bin dein Pflaster, ich lege mich um dich, mit meiner Wärme und meinem Mitgefühl.
Ich bin dein Pflaster, und ich weiss, da drunter, da ist eine Wunde, und vielleicht schliesst sie nie ganz, aber für einen Moment ist da ein Pflaster, das die Wunde schützt und dir Freude macht, das Pflaster hat ganz viele kleine Monster drauf, Zauberhüte und Einhörner, das Pflaster gibt es in den verschiedensten Farben und Formen und Gemütszuständen.
Du kriegst Pflaster für Wut, für Angst, für Sorgen, für Liebeskummer, ich habe ganz viele davon, wir können alles sein. Wir können alle Pflaster sein, für jemanden, manchmal sogar für uns selbst.
Und wer schonmal eine Wunde hatte, und jemanden, der uns ein Pflaster über die Wunde klebte, weiss, wie liebevoll dieser Akt ist, wie der Mensch dann niederkniet und ganz vorsichtig ist, wie er behutsam und mit aller Zeit der Welt die Wunde anschaut und den Finger dreht, die Wunde ein bisschen stärker ans Licht hält und schaut, ob sie noch desinfiziert werden muss.
Wie er die Wunde abtupft und schaut, dass da ja nicht noch mehr Dreck reinkommt, nicht noch mehr Dreck, das Leben ist schon kompliziert genug, da brauchen wir nicht noch mehr Dreck am Finger.
Zwischen Wunde und Heilung, zwischen Verletzung und Neubeginn
Und wie der Mensch dann nach dem Pflaster fragt, ja, welches Pflaster möchtest du denn? Das grüne? Das blaue? Das mit den Pferden drauf oder das mit dem Glitzer? Und es dann aussucht und aus der Packung nimmt, als wäre es heilig, als könnte es den Unterschied machen, zwischen Tag und Nacht, zwischen Wunde und Heilung, zwischen Verletzung und Neubeginn.
Und dann legt er dieses Pflaster um den Finger, und dabei legt er im Grunde auch Liebe um eine Seele, und plötzlich tut es nicht mehr so weh, vielleicht blutet es immernoch, vielleicht muss man das Pflaster bald wieder wechseln, aber für einen Moment, diesen Moment, war alles ein bisschen leichter, die Wunde tat weniger weh, der Fokus lag mal kurz woanders, in der Liebe, in der Rettung, im Trost, im Mitgefühl.
Es gibt Wunden, die heilen nicht, es gibt Wunden, die heilen nie, das Leben ist nie perfekt und wir tragen viel, wir tragen manchmal so viel, dass wir bersten, dass ein Teil in uns aufspringt und blutet und nicht mehr zugeht, und wir den Schmerz spüren, jeden Tag, jede Stunde, immer wieder neu.
Und dann gibt es aber Pflaster, Pflaster in Form von langen, mit Stoff überzogenen Streifen oder Pflaster in Form von Umarmungen.
Beides gibt Halt.
Beides hilft.
Wir haben beides im Schrank, wir haben es immer dabei.
Also liebt, seid Pflaster für die Welt, ums Abreissen kümmern wir uns ein andermal.
xoxo, Anna
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