Mal wieder davon geträumt, die Welt zu retten
Warum dein Gehirn die krassesten Tagträume braucht. Und warum dich das im Alltag lähmen kann.
Das ist eine Subsection meines Newsletters “verbunden”, der über das Leben mit ADHS berichtet: “stellar brains”.
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Es passiert oft, aber irgendwie ganz beiläufig, ich sitze in einem Zug und schaue aus dem Fenster und höre ein Stück Musik in Dauerschleife, meistens irgendeinen Song, der einen starken Bass hat und eine Melodie, die kraftvoll ist, die sich aber auch monoton wiederholt, das mag mein Gehirn sehr gerne. Ich hör dann also diese Musik in Dauerschleife und schaue dem Zug zu, wie er an diesen Feldern vorbeirast und denke mir ein paar Dinge. Es fängt ganz harmlos an, mit einem Text, den ich schreiben sollte, zum Beispiel, oder einer Idee, die ich hatte, oder ich denke nach über einen Fernsehbeitrag, den ich gesehen habe oder ein Zitat, das ich gelesen habe, und dann. Ja dann fängt mein Gehirn an, zu galoppieren.
In der Regel finde ich mich ein paar Minuten später in meiner Fantasie in einem vollen Raum wieder, vor Tausenden Menschen, weil ich inzwischen diese Speaker- und Influencer-Karriere hingelegt habe, von der ich träume, oder ich habe dieses Haus gekauft, mit den Schafen, und stelle grade für 15 lachende Menschen Schmortopf und Sugo auf den Steintisch. Oder ich sehe mich, mit Kopftuch über den Haaren, inmitten eines Sandsturms, in ein Mikrofon und eine Kamera reden, Kriegsreporterin im Nahen Osten, musste grade eine Geburtstagseinladung absagen, sorry, habe Wichtigeres zu tun, bin dann nicht da, musste die Welt retten, ihr versteht.
Lange Zeit fiel mir dieses Gedankenkino gar nicht auf, ich verschwendete keinen Gedanken daran. Ich wäre auch nie auf die Idee gekommen, dass das nicht alle haben, dass nicht alle solche grössenwahnsinnigen Fantasien kreieren, die sie dann für vollkommen realitisch halten und sich dann dafür beschämen, dass sie diese Vision nicht genau so umsetzen - und das innerhalb von ein paar wenigen Tagen.
Bis ich realisierte: Dieses Kopfkino produziere ich, weil ich sehr kreativ bin. Und weil mein Gehirn Dopamin braucht. Weil ich mir damit einen Kick verpasse, eine Vision, weil ich mich damit aus meinem banalen oder monotonen oder gerade zu gefühls- und dramaarmen Alltag herauskatapultiere und meinen Puls so in die Höhe schnellen lasse. Ich setze mich sozusagen mit diesen Phantasien selbst auf Drogen, ich putsche mich auf.
Und tatsächlich: Wenn ich aus diesen Träumen wieder ausstieg, war ich frisch wie Morgentau, erfrischt, vital, ready to go, voller Hoffnung und Stärke und Leidenschaft, weil ich mein ganzes System darauf gepolt hatte, loszurennen und umzusetzen. Doch wie das so ist, mit der Umsetzungsstärke und ADHS, passierte dann oft: Nichts. Weil diese grossen Träume, die sich so echt anfühlen, die so realistisch anmuten, die ich in meinem Kopf schon so klar spüre und sehe, dass es keinerlei Zweifel mehr daran gibt, dass sie wahr werden müssen, am Ende dann doch sehr, sehr grosse Träume sind.
So gross, dass ich sie nicht ansatzweise stemmen kann. Nicht hier, nicht jetzt. Ich aber den Unterschied nicht erkenne zwischen einem Traum und dem realistischen, nächsten Schritt. Weil ich denke: Wenn ich es mir vorstellen kann, dann muss ich es auch umsetzen können.
Diese Träume, die du da träumst, und die dir vordergründig so viel Energie, Freude, Elan und Potenzial geben, haben auch eine dunkle Seite. Weil sie fir zwar das Dopamin geben, das du brauchst, aber auch viel Hoffnungslosigkeit und Schwäche in dir auslösen können. Weil sie dir suggerieren, dass sie realistische Ziele sind, die du erreichen kannst - und dich so umso trauriger zurücklassen, wenn du dann diese Ideen nicht umsetzt, nicht weitermachst, doch nicht so lebst, wie du es dir vorgestellt hast. Das kann dir sehr zu schaffen machen. Und das berechtigterweise!
Du bist damit nicht alleine. Dein Gehirn ist auf der Suche nach Dopamin, und diese grossen Tagträume dienen dazu, es zu stimulieren. Das ist, wenn du das mal weisst, total in Ordnung und auch nicht ungesund. Doch vielleicht hilft es dir, wenn du diese Träume als das sehen kannst, was sie sind: Ein Trick deines Gehirns, sich wach und produktiv zu halten. Und nicht deine grosse To do-Liste, die dir zeigt, wie klein und unbedeutend du lebst und arbeitest im Vergleich zu diesen grossen Bildern, die dein Gehirn zeichnet.
Wenn du also das nächste Mal gross träumst, nimm’ das gelassen entgegen und überlege dir: Was daran zeigt mir auf, was ich gerade brauche? Träume ich von Gemeinschaft, brauche ich also gerade mehr Zugehörigkeit in meinem Alltag? Geht bei mir grad ein innerer Film ab, wie ich durch eine Wüste reite, und brauche ich also mehr Freiheit in meinem Alltag? Mehr Abenteuer? Oft reicht dann ein kleiner Schritt, zwei Stunden Adventure Room, eine Stunde ausgelassenes Tanzen, oder eine Recherche über Feriendestinationen für die Herbstferien.
Du bist nicht weniger wert, weniger klug, weniger integer, weniger visionär, weil du (noch) nicht umsetzt, was dein Gehirn an Möglichkeiten denkt. Alles hat seine Zeit. Und wir leben mit ADHS nunmal auch immer mit einem grossen Gap zwischen viel Fantasie und auch mal mangelnder Umsetzungsstärke. Nimm’ diese Visionen also als das, was sie sind: Visionen, Nordsterne. Vielleicht werden sie wahr, vielleicht nicht, vielleicht zeigen sie uns einen Weg auf, der uns zu gehen gefällt, und dessen Ziel wir gar nicht erreichen müssen, weil wir schon mit einem kleineren Anteil davon erfüllt sein können. Wo auch immer du stehst und wovon auch immer du träumst: Schon ein kleinster Bruchteil davon kann dich beseelen.
Fühl dich umarmt.
xoxo, Anna
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