Komm' gut nach Hause, ja, und schreib mir, wenn du daheim bist, ja?
Warum wir nicht bloss über toxische Männlichkeit sprechen müssen. Sondern auch über toxische Weiblichkeit.
Ich hatte dir gerade auf Wiedersehen gesagt, nach diesem Abend, bin im Türrahmen gestanden und habe dir nachgesehen, wie du die Wendeltreppe des Treppenhauses runterliefst, dein Kopf war schon fast verschwunden, da rief ich dir nach:
Schreib mir, wenn du daheim bist, ja?
Und du hast kurz innegehalten und hochgeschaut und mich angesehen und gefragt: Warum?
Ein Wort.
Warum.
Eines, das keiner Frau, die ich kenne, in dieser Situation je über die Lippen kam. Weil wir alle wissen, was dieser Satz, schreib mir, wenn du daheim bist, ja? bedeutet. Weil wir alle schon Dutzende Male diesen Satz gesagt haben, er ist ein Code, eine Absicherung, eine Freundschaftsbekundung, eine Vorsichtsmassnahme, er ist, in a nutshell, das Patriarchat, diese Idee, dass wir uns schützen müssen, dass wir Freiwild sein könnten, wenn wir vor die Tür gehen, vor allem nach 22 Uhr, nachts, im Dunkeln noch nach Hause laufen, oder fahren, wer wurde da nicht schonmal…. Du etwa nicht?
Du nicht. Du bist ein Mann, und ich habe dir lustigerweise an diesem Abend vor ein paar Tagen diesen Satz nachgerufen, im Treppenhaus, schreib mir, wenn du zuhause bist, ja, ich glaube, ich habe diesen Satz das erste Mal in meinem Leben zu einem Mann gesagt, und du hast gefragt, warum du das tun sollst, und ich habe geantwortet: That’s what girls do, und du hast gelacht und genickt und bist von Dannen gezogen und hast mir dann noch geschrieben.
Vielleicht habe ich diesen Satz an dich adressiert, weil ich gerade ein Buch über toxische Weiblichkeit lese, eines, das mich nochmals neu mit meiner eigenen Lebensrealität als Frau innerhalb des Patriarchats konfrontiert, und nicht bloss auf schöne Weise, nicht bloss als: Opfer. Offenbar macht dieses Buch so viel mit meinem Inneren und meiner Sichtweise auf Dinge, dass ich, ohne darüber nachzudenken, spontan Sätze in neue Kontexte setze, Geschlechtergrenzen verschiebe, und Männern plötzlich Dinge sage, die ich sonst immer Frauen sagte, dabei bin ich noch gar nicht weit mit diesem Buch, auf Seite 30 vielleicht, aber ich habe mich schon in vielen Momenten wiedererkannt.
Ich kann dieses Buch nur jedem empfehlen, egal, wie feministisch oder nicht, egal, ob Mann, Frau, alles dazwischen, egal, was du schon weisst oder zu wissen glaubst. Weil es Prägung bespricht, und die vielen Arten, in welchen wir uns Frauen gegenseitig verbinden und trennen, indem wir uns abwerten und gefällig sind, Täterinnen und Opfer.
Indem wir uns gegenseitig bemuttern und als Schlampen bezeichnen, uns den Typen ausspannen und uns die Haare zu einem Zopf binden, bloss, um Zusammenhalt zu signalisieren, in der unglaublichen Angst, in der nächsten Minute schon von unserer Freundin aus der Clique rausgeworfen zu werden, wenn wir ihre neuen Schuhe nicht mit “wie gut sie dir stehen!” quittieren, während ein Typ zu seinem Freund sagt: ne, sind hässlich, und der andere mit den Schultern zuckt und sagt: ich find sie geil, weiter im Text.
Ich finde, es braucht endlich eine Debatte darüber, wie wir Frauen uns verhalten, im Guten wie im Schlechten, dass auch wir Täterinnen sind, vorallem anderen Frauen und uns selbst gegenüber, aber auch unseren Partnern gegenüber, unseren Müttern, unseren Kollegen. Weil es uns allen am Ende doch um Verbundenheit geht, das Zusammenstehen für das Richtige, für mehr Zusammenhalt und mehr Menschenwürde.
Dazu braucht es auch immer wieder Selbsterkenntnis, offene Debatten, Streitkultur, das Einsehen eigener Muster, das Verstehen der grossen Prägungen und Zusammenhänge. Das Buch “toxische Weiblichkeit” von Sophia Fritz ist ein Buch, das in meinen Augen Brücken schlägt - weil es auch das Unangenehme anspricht, das unsere Sozialisierung als Frauen innerhalb des Patriarchats eben mit sich bringt.
Und manchmal erfordert das eben, dass Dinge sich einen Moment lang umkehren, wie, dass ein Mann aufgefordert wird, zu schreiben, wenn er zuhause ist, und so einen kurzen Augenblick lang hineingeworfen wird in eine Realität, die ihm sonst so fremd ist und die er nicht mitdenkt. Oder, indem wir als Frauen damit konfrontiert werden, dass wir die Typen nicht bloss aus goodwill oder, weil wir Heilige sind, therapieren wollen oder die Freundin immerzu bestärken, sondern eben auch: aus Kalkül.
Komm’ gut nach Hause, ja, ich werde diesen Satz wohl noch ein ganzes Leben lang sagen, ich werde ihn ehrlich meinen, manchmal wird er auch gefärbt sein, davon, dass ich mich oft mehr um andere kümmere als um mich selbst, davon, dass ich manchmal bemuttere, davon, dass ich selbst Ängste projeziere und davon, dass ich Erfahrungen damit habe, im Dunkeln nach Hause zu gehen, gute und schlechte, sichere und gefährliche.
Und ich werde diesen Satz ab heute vielleicht ab und zu auch zu einem Mann sagen, komm’ gut nach Hause, ja, und schreib mir, wenn du daheim bist, ja, ich will doch, dass wir alle sicher sind, ganz caring eben, ganz mütterlich, ganz protective eben, wie ein Kerl es nunmal ist.
Das Buch heisst “toxische Weiblichkeit”, und geschrieben hat es Sophia Fritz.
Um männliche Prägung, ps, geht es im Buch “Prägung” von Christian Dittloff.
Gutes Heimkommen allerseits, gute Lektüre und xoxo,
Anna
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