Ich habe nie gelernt, Freunde zu finden
Irgendwann stehst du an einem Punkt, an dem du dich einsam fühlst. Freundschaften verschieben sich, brechen weg – und die Frage bleibt: Wie finde ich neue Menschen, die wirklich zu mir passen?
Ich bin sicher an die 15-mal umgezogen. Ich habe in Zürich, in Bern, in Hamburg, in München, in London, in Sarnen gelebt. Ich habe jedes Mal alles neu in Kisten gepackt und wieder ausgepackt, und lange Zeit war es schön, sich jedes Mal neu zu erfinden. Das Leben zu spüren. Auf dem Boden einer neuen Wohnung zu sitzen, mit nichts außer mir selbst und einem Schlüssel in der Hand. Als würde ich den Stift ansetzen, auf einem weißen Blatt. Die Welt, sie war in solchen Momenten immer ein Stück unberührt, neu und voller Verheißung.
Doch diese Bewegung, die Lebendigkeit brachte, brachte auch: Entwurzelung und Trennung.
Jeder Neuanfang war ein Glücksgriff, und gleichzeitig veränderte er wieder alles. Als wären die Würfel neu gefallen. Und mit jedem Umzug, mit jedem Abschluss, mit jeder physischen Verschiebung veränderten sich auch meine Beziehungen.
Wenn Nähe zu Distanz wird
Plötzlich wohnst du nicht mehr neben deiner engsten Freundin. Plötzlich ist das Studium zu Ende und dein Freund zieht weg. Plötzlich bist du in einem anderen Stadtteil zuhause, und auch wenn alles noch immer erreichbar wäre, bloß diese halbe Stunde Bus, bloß diese eine Stunde Zug, stellst du irgendwann fest: Meine eigene Veränderung verändert auch meine Freundschaften.
Das Tabu Einsamkeit
Die Ratgeber schreiben alle, wie wichtig Freundschaften sind. Dass sie uns glücklich machen. Dass Einsamkeit tötet. Dass wir geliebt werden müssen, aufgehoben sein, eingebettet, verstanden und gehört, um ein sinnvolles Leben zu leben.
Doch niemand spricht darüber, wie schwer das sein kann. Wie sehr Brüche und Veränderungen in unserem Leben auch Freundschaften verändern. Wie anstrengend es ist, wenn du nicht die Glückliche bist, die seit 15 Jahren die gleiche Girl Gang um sich herumhat, diesen Sex and the City Traum einer Gruppe, die ist wie Familie. Niemand spricht öffentlich über die Trauer, die in dir hochsteigt, wenn deine beste Freundin ihr erstes Kind bekommt und ihr euch sagt, dass sich nichts ändern wird, und sich dann doch alles ändert.
Wie Freundschaft und Selbstwert miteinander verbunden sind
Ich wusste schon immer, dass Freundschaften wichtig sind. Doch niemand hat mir gesagt, wie man sie findet. Wie man als Erwachsene neue Freundschaften knüpft. Wie viel Anstrengung, Geduld und Zeit es braucht, an einem völlig neuen Ort Beziehungen entstehen zu lassen. Und wie sehr das den Selbstwert angreifen kann.
Weil wir uns irgendwann fragen: Was, wenn ich niemanden finde? Was, wenn es an mir liegt, dass die Person nicht mehr zurückruft, nach dem ersten Abend an der Bar, obwohl ich dachte, wir seien auf der gleichen Wellenlänge? Woran erkenne ich, wann jemand wirklich zu mir passt und wann er bleibt? Und wie halte ich diesen unsagbaren Zwischenzustand aus, das Alleinsein und gut begleitet mit mir selbst, wenn das, was richtig und echt ist, noch nicht besteht, weil nunmal alles Zeit braucht, und das, was schon da ist, vielleicht doch auf Dauer nicht reicht.
So sehr wir alle über Freundschaften und ihre Bedeutung für unsere psychische Gesundheit sprechen, so sehr ist es ein gesellschaftliches Tabu, auszusprechen: Ich fühle mich einsam. Ich brauche neue Freunde. Und ich weiß nicht, wo und wie ich sie finde. Weil wir eben nicht mehr automatisch die ganze Woche lang neben Mitstudierenden sitzen oder in der Schulpause miteinander Aufgaben lösen müssen. Weil wir nicht mehr alle über Jahre am gleichen Ort leben und wohnen und nicht mehr 20 Jahre den gleichen Arbeitgeber haben und den gleichen Büronachbarn.
Warum Nähe zählt
Wir alle erleben Brüche – nach Beziehungen, beim Umzug, nach Kindern, beim Jobwechsel. Unser Leben ist so modular und beweglich wie nie. Wir bleiben nicht mehr, wo wir geboren sind, wir reisen, wohnen und arbeiten remote. Das Internet verheißt uns, komplett unabhängig von unserem geografischen Standort Beziehungen aufrecht erhalten zu können. Dass wir diese physische Verwurzelung gar nicht mehr brauchen. Dass es reicht, wenn man sich per Whatsapp hört.
Doch du weißt: Das stimmt nicht. Wir brauchen Menschen in unserer unmittelbaren Nähe. Kaum eine Freundschaft überlebt große Verschiebungen auf Dauer, wenn wir sie nicht intensiv pflegen. Und auch wenn wir alles richtig machen, auch wenn wir verbunden bleiben, so verändern sich Freundschaften trotzdem.
Wenn du also gerade an einem Punkt in deinem Leben stehst, an dem du spürst: Ich sehne mich nach Freundschaft, nach neuen Beziehungen, nach einer neuen Art von Einbettung, lass mir dir sagen: Du bist nicht allein. Wir meinen alle, das sei ein individuelles Gefühl, ein einzelnes Versagen. Doch kein Mensch auf der Welt, der sich verschiebt, der Lebenswandel und eigene Entwicklung aktiv und sensibel spürt, fühlt sich nicht manchmal einsam. Einsamkeit ist nicht einfach ein Dauerzustand für Einzelne, die am Rande der Gesellschaft stehen.
Einsam sind wir alle irgendwann.
Und können das ändern. Unter anderem dadurch, dass wir damit beginnen, darüber zu sprechen. Und verstehen, wie Freundschaft entsteht: Durch Wiederholung, Nähe, Chemie und Lebensphasen.
Wer wärst du, wenn du wüsstest, dass du Nähe gestalten kannst? Und dass es diese echte, warme Verbundenheit gibt? Und dass du sie suchen und finden kannst?
Wenn du magst, hör dir gerne die aktuelle Folge “Wie du neue Freunde findest” meines Podcasts Project Happy an.
In dieser Folge erzähle ich, warum Freundschaften im Erwachsenenalter schwieriger sind, was das mit unserer Scham zu tun hat – und weshalb es trotzdem möglich ist, immer wieder neue Menschen zu finden, die zu uns passen.
Hier geht’s zur Folge “Wie du neue Freunde findest” direkt in Substack.
Oder hör’ dir die Folge direkt auf Spotify und Apple Podcasts an.
Wir alle sind irgendwann einsam. Aber niemand bleibt es für immer. Und manchmal reicht es, den ersten Schritt zu machen: darüber zu sprechen. Vielleicht ist das dein Schritt heute – hör in die Folge rein oder teile sie mit jemandem, der das gerade braucht.
Und lass dich erinnern: Du bist nicht falsch. Du bist liebenswert. Und du wirst deine Menschen finden.
xoxo, Lieblingsmensch. Bis bald!
Anna
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