ADHS ungefiltert: ADHS Hyperfokus: Warum deine grösste Stärke dich erschöpft
12 Stunden am Laptop, brillant und besessen — und danach tagelang leer. Über ADHS, digitalen Tunnelblick und eine Gesellschaft, die nicht checkt: Wir funktionieren nicht linear.

Es gibt diese Tage, an denen bin ich im Rausch. Ich hacke dann 12 Stunden am Stück in meinen Laptop, besessen davon, so viel Text wie möglich zu schreiben, und alles, was mich davon abhält, wird mir lästig. Ich will dann keine Pause machen, weil ich Angst habe, aus meinem Flow zu fallen. An solchen Tagen bin ich unendlich erschöpft, kriege aber auch sehr viel hin. Solche Tage sind konzentrierte Tage. Fast schon zu konzentrierte Tage. Psychologen nennen meinen Zustand Hyperfokus: ein Zustand maximaler Konzentration, in welchem Zeit und Raum verschwimmen, der Tunnelblick einsetzt und die Synapsen im Gehirn so rasch tanzen und die richtigen Gedanken aneinanderreihen wie Perlen sich zu einer Kette.
Wenn Fokus zur Erschöpfung wird
Oft ist es aber eher so, dass ich mich schwer damit tue, Fokus zu finden. Eher rasen meine Gedanken von einem Punkt zum nächsten und ich kann keine einzige Priorität setzen, renne in der Wohnung herum und wollte doch eigentlich ein Glas Wasser holen, aber da, ein Stück Brot liegt rum, das entsorgt werden muss, soll ich daraus Paniermehl machen? Warum steht da noch eine Tasse, sag mal, war ich schon auf dem Klo, ist die Tür abgeschlossen, welche Uhrzeit haben wir eigentlich, was wollte ich hier? Ich muss mich dann mühsam aus all der inneren Reizüberflutung herausschälen und hoffen, dass ich bis dahin nicht auch noch in die Falle getappt bin, mein Smartphone anzumachen, alle Apps durchzugehen und in die Nachrichtenlage der Welt reinzuschauen, weil dann, ja dann, explodiere ich ganz.
Hyperfokus fühlt sich oft an wie Magie: Alles andere verschwindet, nur diese eine Sache bleibt. Ich bin schnell, brillant, verbunden mit allem. Aber er hat auch eine andere Seite. Er erschöpft mich, überhitzt mich, lässt mich leer zurück. An manchen Tagen bin ich im ewigen Rausch, an anderen kann ich mich gefühlt zu nichts aufraffen.
Wenn du genau weisst, wovon ich gerade spreche, ist die Chance hoch, dass du ADHS hast. Und auch wenn nicht: Die heutige Welt ist so berauschend, so digital fesselnd, dass sich die Welt für viele von uns auch unabhängig von einer ADHS-Diagnose genau so anfühlt: Dass wir in etwas versinken, das uns so fesselt, dass im Moment nichts anderes mehr zählt.
Wann hast du das letzte Mal so intensiv gearbeitet, dass du den Hunger vergessen hast?
Wann hast du dich in etwas verloren, so dass du aufgeschaut hast – und es war plötzlich Nacht?
Wann hast du zuletzt gemerkt, dass dein Körper längst Pause brauchte, während dein Kopf immer noch im Rausch war?
Wann wolltest du das letzte Mal bloss kurz nachschauen, wer dir eine Nachricht geschrieben hat, und bist dann eine Stunde später, wie aus einem Traum, aufgeschreckt?
Digitaler Hyperfokus: Stunden im Feed verlieren
Es gibt ihn, den digitalen Hyperfokus, und wir kennen ihn alle: Stundenlang im Feed, von Reel zu Reel, von Nachricht zu Nachricht. Auch hier: Tunnel. Auch hier: Verlust von Zeit, Körper, Bedürfnissen.
Hyperfokus zeigt sich nicht nur in Produktivität. Er kann sich auch auf Negatives richten – Grübelschleifen, Selbstzweifel, ein Tunnel voller Ohnmacht. Oder in Gesprächen, wenn wir uns so sehr in Gedanken verlieren, dass wir anderen keinen Raum lassen. Auch das gehört dazu.
Was ADHS eigen ist, das kennen wir trotzdem manchmal alle: von einem Extrem ins andere zu rutschen. Von Freude in Traurigkeit. Von Rausch in den Abgrund und in die Erschöpfung.
Wir tun so, als wäre es logisch, dass wir immer gleichförmig funktionieren. Acht Stunden am Tag im Büro, von Acht bis Fünf. Stabile Beziehung ohne grosses Drama. Rhythmus durch den Tag, immer zur selben Zeit essen.
Hyperfokus im Alltag regulieren
Doch ist das bei dir wirklich so? Oder würdest du dir manchmal wünschen, dass die Gesellschaft von dir nicht verlangen würde, stabil zu sein, damit du eigentlich einfach normal sein könntest, im Sinne von: Schwankungen, Zyklen unterworfen?
Wir, die ADHS und Hyperfokus kennen, können in wenigen Stunden Dinge erschaffen, für die andere Tage brauchen. Wir spüren Flow, Leichtigkeit, Ekstase. Doch dann sind wir müde. Und aus einem genialen Flow kippt alles in die Lethargie oder in die totale, körperliche Erschöpfung.
Niemand von uns lebt und liebt linear. Wir sind keine Roboter. Und wir leben aber in einem System, das die Dauer wertet, nicht die Intensität. Die Anzahl Stunden, nicht die Qualität.
Hyperfokus: Superkraft mit Verantwortung
Hyperfokus ist kein Fehler, keine Störung. Hyperfokus ist Superkraft und Risiko. Er bringt uns in Flow, macht uns schnell, brillant, tief verbunden – und er kann uns erschöpfen, vereinnahmen, sogar in negative Spiralen ziehen. Er ist nicht nur Konzentration, sondern auch ein sozialer Faktor, der Beziehungen fordert. Er zeigt sich im Digitalen ebenso wie im Analogen. Und er verlangt, dass wir lernen, ihn zu regulieren – mit Pausen, Strukturen, Körperankern und manchmal auch mit Hilfe von außen. Und vielleicht steckt darin etwas, das für uns alle gilt: Wir funktionieren nicht linear. Wir leben in Rhythmen, in Ausschlägen, in Phasen von Rausch und Leere.
Wenn du magst, hör dir gerne die aktuelle Folge “ADHS und Hyperfokus” meines Podcasts Project Happy an.
In dieser Folge erzähle ich, warum Freundschaften im Erwachsenenalter schwieriger sind, was das mit unserer Scham zu tun hat – und weshalb es trotzdem möglich ist, immer wieder neue Menschen zu finden, die zu uns passen.
Hier geht’s zur Folge “ADHS und Hyperfokus” direkt in Substack.
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Teile diesen Text und den Podcast gerne mit Jemandem, den du kennst, der gerne im Flow stecken bleibt. Oder sich dafür schämt, nicht linear zu funktionieren. Ich hoffe, er tröstet und hilft weiter.
xoxo, Lieblingsmensch. Bis bald!
Anna
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