Elon Musk kommt ins Wallis. Doch: Willst du das wirklich?
Elon Musk plant eine der europaweit grössten Starlink-Satellitenanlagen - ausgerechnet im Kanton Wallis. Dabei geht es um weit mehr als Strahlung oder Prestige - es geht um die Grundwerte der Schweiz.

Auf dem Brentjong-Plateau oberhalb von Leuk sollen sie entstehen und die aktuellen Antennen ersetzen: kugelförmige Radome, 2,5 Meter hoch, schneeweiss, geordnet in Reih und Glied. Im Herbst soll inmitten einer strukturschwachen Schweizer Berggegend mit den Arbeiten für die 40 Antennen begonnen werden, die das von Elon Musk gegründete US-Satellitennetzwerk Starlink oberhalb der Gemeinde aufstellen möchte.
Offiziell geht es um Internet. Schnelles, stabiles Internet, sogar in den entlegensten Regionen der Welt. Wer könnte da ernsthaft dagegen sein? Doch Starlink ist mehr als Konnektivität. Es ist das weltumspannende Netz eines einzelnen Mannes, getragen von der Privatarmee seiner Satelliten. Mehr als 6'000 dieser Objekte kreisen bereits in niedriger Erdumlaufbahn. Und das reicht ihm nicht.
In Leuk entsteht nun eine der grössten Starlink-Bodenstationen Europas. 40 Antennen sind deutlich mehr als üblich. Die Gemeinde begrüsst das Projekt euphorisch: Steuereinnahmen, Arbeitsplätze, eine Aufwertung für die Region. Doch wer spricht darüber, dass hier ein globales Kommunikationsnetz entsteht, ohne demokratische Kontrolle, ohne nationale Souveränität, ohne echte Debatte?
Nationale Medien berichteten über die Pläne, Watson, NZZ, das Schweizer Fernsehen. Doch sie berichteten weitgehend über die Satelliten, dass sie kommen, dass Elon Musk dahintersteckt. Sie zitierten den Gemeindepräsidenten, der euphorisch verkündet, dass das eine Riesenchance für die Umgebung ist, Standortförderung. Wirtschaftlich gesehen hofft man auf Steuereinnahmen und Arbeitsplätze. Klar. Und die Kritiker? Wo bleiben sie? Abgesehen von ein paar digitalen Aufschreien in Anti-5G-Foren?
Nach Medienberichten aus der Region formierte sich immerhin lokal Widerstand. Über 200 Beschwerden gegen das Projekt, für das eigentlich Spatenstich am 1. September sein sollte, wurden bei der Gemeinde fristgerecht eingereicht. Doch der nationale Aufschrei? Blieb bisher aus. Die Gemeinde und das Gebiet und die Menschen, die es direkt betrifft, werden in einer Sache, die nicht einfach lokal, sondern global und systemisch ist, allein gelassen.
Wir erleben den übergreifenden Trend, dass privatwirtschaftliche Akteure mit enormer Kapitalmacht Fakten schaffen. Weltweit. Auch in der Schweiz. Wir stecken mitten in einer Welt, in der grosse Tech-Firmen die Sozialen Medien nach ihren Regeln geformt haben, die uns Menschen schaden - psychisch, menschlich, gesellschaftlich. Jugendliche, die sich umbringen, Mädchen, die in die Magersucht rutschen. Hate Speech. Falschinformationen. Deep Fake.
Die Medienfreiheit und -vielfalt hängt am seidenen Faden, am Koloss Google, der über Aufstieg und Fall der Nachrichten-Agenturen und Unternehmen richtet - alleine. Wir haben Zuckerberg und Gates und Musk, die sich nicht mehr nur technologisch, sondern sehr politisch Einfluss verschaffen - bis in die höchsten Ränge der amerikanischen und globalen Politik hinein.
Klar, das Wallis ist nicht Silicon Valley. Und doch wird genau mit diesem Projekt Starlink das Plateau von Leuk zur Startbahn für eine globale Infrastrukturlogik, bei der nicht mehr gefragt wird, ob etwas sinnvoll ist, sondern nur, ob es erlaubt wurde.
Eine Gesellschaft, die sich auf Genehmigungen statt Grundsatzfragen verlässt, verliert früher oder später ihre Gestaltungshoheit.
Was Strahlung mit Vertrauen zu tun hat
Viele, die gegen das Projekt opponieren, tun es aus Angst vor Strahlung. Und ja – die Sorge vor elektromagnetischen Feldern ist nicht irrational, sondern ein Symptom. Ein Symptom für etwas Tieferes: das Gefühl, dass wir nicht mehr wissen, was in unserem eigenen Land passiert. Dass Entscheidungen getroffen werden, die wir nicht verstehen, weil sie technisch, komplex, scheinbar unantastbar sind.
Die wissenschaftliche Datenlage zur Strahlenbelastung solcher Anlagen ist ambivalent. Die geplanten Antennen senden gerichtete Signale in den Himmel, nicht in Wohngebiete. Die gesetzlich erlaubten Grenzwerte sind streng – besonders in der Schweiz. Und dennoch: Gesundheit ist nicht nur eine Frage von Messwerten. Es ist eine Frage von Vertrauen. Und dieses Vertrauen bricht, wenn Menschen nicht gefragt werden, wenn ihre Bedenken abgewiegelt statt einbezogen werden.
Ich will nicht gegen Technik argumentieren. Ich will für Bewusstsein argumentieren. Für Prozesse, die nicht nur legal, sondern legitim sind. Für eine Gesellschaft, in der Menschen ihre Umwelt mitgestalten dürfen, weil sie sonst ihre innere Orientierung verlieren.
Zwischen Heimat und Zukunft
Was mich an dem Projekt in Leuk wirklich beschäftigt, ist etwas anderes. Es ist nicht der konkrete Funkpegel. Es ist das Bild: Ein stilles Plateau, umgeben von Bergen. Eine Landschaft, die vielen Menschen als Zuflucht gilt. Ein Ort, der aushalten darf, was unsere Städte nicht mehr leisten: Ruhe. Leere. Himmel.
Und nun kommen da weisse Kuppeln hin. Unspektakulär, effizient, technisch notwendig. Aber eben auch: eindringend. Landschaft ist nicht neutral. Sie ist Erinnerung, Identität, Symbol. Was passiert mit einem Land, das seine entlegensten Orte nicht mehr schätzt, sondern technologisch erschliesst?
Für mich sind solche Orte nicht nur geografische Punkte. Sie sind seelische Anker. Und wenn wir beginnen, sie funktional zu überformen, müssen wir uns fragen: Welche Zukunft gestalten wir eigentlich? Eine, in der alles miteinander verbunden ist – oder eine, in der wir uns selbst verlieren?
Was jetzt zu tun ist
Ich fordere keine Blockade. Ich fordere eine Öffentlichkeit. Ich fordere, dass wir über solche Projekte sprechen, bevor sie gebaut werden. Dass wir unsere politischen Instrumente nutzen – Einsprache, Petitionen, Medien – um Beteiligung einzufordern.
Ich fordere, dass wir technische Projekte als das behandeln, was sie sind: gesellschaftliche Entscheidungen. Nicht alles, was möglich ist, ist richtig. Nicht alles, was legal ist, ist legitim. Und nicht alles, was modern aussieht, ist Fortschritt.
Leuk ist vielleicht nur ein Punkt auf der Karte. Aber dieser Punkt hat Bedeutung. Weil er steht für etwas Grösseres: Die Frage, wem unsere Zukunft gehört. Und ob wir den Mut haben, sie zurückzufordern.
Leuk mag ein kleiner Ort sein mit ein paar Bürgerinnen, die sich aufregen. Ob ihre Einsprachen Gehör finden, bleibt unklar. Ob sich der Baubeginn verschiebt: unklar. Wer am Ende das letzte Wort hat: unklar.
Es liegt an uns, nicht zu schweigen, bloss, weil es nicht in unserem Garten passiert. Denn: Das tut es.
Teile diesen Text gerne mit Jemandem, der sich für diese Sache einsetzen will - politisch, gesellschaftlich, publizistisch, privat.
Alles Liebe und ein gutes Wochenende,
Anna
Ich schreibe und spreche mit viel Herzblut und versuche damit, die Welt und unser Erleben ein bisschen besser zu machen. Unterstütze meine Arbeit mit einem Abo hier auf Substack, teile diesen Post, abonniere meinen Podcast und schreib mir gerne, was dich gerade beschäftigt! Ab und zu beantworte ich eure Fragen (anonym) in einer nächsten Podcast-Folge.
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