Echt Jetzt: Warum ich mein Gesicht nackt in die Welt trage
Über Feminismus, Gruppendruck, Selbstliebe und eine Industrie, der ich meine Zeit nicht mehr schenken will. Ein Echt-Jetzt-Essay.
Ich erinnere mich noch genau an diesen Tag vor fast 15 Jahren, ich war Mitte Zwanzig und mitten im Studium, und da stand ich, in einer Mittagspause auf der Frauentoilette neben dem Badezimmerspiegel und sah den beiden Kolleginnen aus meiner Klasse beim Schminken zu.
Ich sah ihnen dabei zu, wie sie ihre Wimpern neu tuschten, wie sie ihre Foundation auffrischten und ihren roten Lippenstift neu auftrugen, wie sie dabei nebeneinander standen und in den Spiegel schauten und über dies und das sprachen. Wie sie sich verbündeten, ihre Beziehung vertieften. Ich sah ihnen zu und ein Teil von mir beneidete sie dafür, dass so etwas im Grunde Basales wie das Schminken sie vereinte und ihnen, wie manchem das Rauchen, eine perfekte Plattform bot, um sich anzugleichen, um Beziehungspflege und Gesichtspflege zeitgleich zu betreiben.
Doch da war noch ein anderer Teil in mir, der sie ansah, befremdet. Der sie ansah und dachte: Das will ich nicht. Ich will nicht hier stehen und mein Gesicht anmalen, damit ich dazugehöre. Damit Männer mich attraktiver finden und Frauen gepflegter. Damit ich es besser aushalte, in die Welt hinaus zu gehen, weil ich einen Schutz über mich gelegt habe, der für mich im Grunde genommen bloss ein Schleier ist. Eine Maske. Maquillage – Maskerade.
Ich schminke mich so gut wie nie. Das tue ich so seit Jahrzehnten nicht mehr. Die wenigen Male, an die ich mich erinnere, sind davon geprägt, mich in einem sozialen Kontext visuell bedeutsamer und festlicher, sinnlicher und sexier, schöner und erhabener zu machen. Der Auftritt im Fernsehen. Die Weihnachtsfeier. Die Clubnacht. Das erste, zweite, dritte Date. Dann habe ich zur Wimperntusche gegriffen, zum Kajal, zum roten Lippenstift.
Bis vor ein paar Monaten habe ich auch immer ein, zwei Utensilien mit mir herumgetragen, wenn ich in den Urlaub fuhr. Nur für den Fall der Fälle. Falls der Moment es verlangt. Doch nicht einmal das tue ich im Moment mehr. Ich habe mich vor ein paar Monaten entschieden, dass mein ungeschminktes Gesicht in allen Fällen, auch bei Auftritten, auch bei Dates, auch bei Feiern, mein neues Normal ist, und dass ich nichts brauche, um das zu ändern.
Ich kann mich an keinen Augenblick in meiner Jugend erinnern, in welchem es nicht direkt oder indirekt darum ging, wie ich aussah, wie mein Körper war – schlank genug, enthaart genug, sind meine Haare am Kopf glänzend genug, bin ich hübsch genug für die Männer, für die anderen, für die Welt?
Das mag auf den ersten Blick lächerlich wirken – warum schreibt eine Frau eine ganze Seite voll damit, dass sie sich nicht oder nicht mehr schminkt? Lass es doch einfach bleiben und gut ist.
Doch das Schminken ist mehr als eine individuelle Entscheidung.
Es ist ein sozialer Code.
Ich kann mich an keinen Augenblick in meiner Jugend erinnern, in welchem es nicht direkt oder indirekt darum ging, wie ich aussah, wie mein Körper war – schlank genug, enthaart genug, sind meine Haare am Kopf glänzend genug, bin ich hübsch genug für die Männer, für die anderen, für die Welt?
Das Schminken gehörte zum Frauwerden dazu wie das Erlernen einer Sprache: Wir gaben einander Tipps, und wenn man die Frau neben sich nach der Wimperntusche fragte, im Badezimmer eines Clubs, dann musste man einander gar nicht kennen – man verbündete sich dennoch über dieses kleine Ding schwesterlich, als teilte man instinktiv eine ganze Welt des Frauseins miteinander. Im Schminken selbst liegt viel Macht – wir können uns schöner machen, die Fehler kaschieren, die Vorzüge hervorheben.
Es hat mich immer wieder erstaunt, wie sehr sich der Blick der anderen, vor allem der Männer, änderte, wenn ich meine Lippen rot nachzog und in ein Tram stieg – plötzlich waren da Blicke, in denen ich Sehnsucht spürte, plötzlich war ich auf eine seltsame Art und Weise begehrt und auch irgendwie überlegen. Ich hatte mich ja noch schöner gemacht, das Makeup erweckte den Anschein, als sei ich von Natur aus wunderschön und makellos. Und natürlich wissen wir alle, dass geschminkte Gesichter keine sind, die am Morgen gleich aussehen, und doch ist es ein bisschen wie mit Social Media: Wir wissen es in den Köpfen, aber wenn wir das Gesicht sehen, denken wir trotzdem sofort: Wow, wie schön du bist. So viel schöner als ich.
Perfekt geschminkte Gesichter sind noch immer die Norm – im Film, im Fernsehen, auf Instagram. Wenn Stars ungeschminkt über einen roten Teppich schreiten wie beispielsweise Pamela Anderson, dann macht das noch immer weltweit Schlagzeilen. Das nackte Gesicht ist fast so provokant und revolutionär wie der nackte Körper im öffentlichen Raum. Vielleicht noch radikaler. Weil das nackte Gesicht auch die Botschaft sendet: Ich verweigere mich. Ich verweigere mich der Idee, wie eine Frau auszusehen hat. Ich verweigere mich der Idee, sexualisiert oder ästhetisiert zu werden. Ich verweigere mich der Idee, mich jeden Tag über Minuten und Stunden vor einen Spiegel zu stellen und mich zu optimieren, damit die Welt da draussen automatisch denkt, dass ich mehr wert bin, weil ich hübscher bin.
Eine Milliardenindustrie lebt davon, dass Frauen sich ungenügend fühlen. Kosmetikunternehmen bauen ihre Umsätze auf dem permanenten Zweifel auf. Jeder neue Lippenstift, jede neue Hautcreme sagt uns aufs Neue: Du bist noch nicht ganz fertig.
Und doch ist diese Entscheidung nicht immer leicht. Auch für mich nicht. Denn sie bedeutet, mich zuzumuten. Mich sichtbar zu machen – nicht mit dem, was ich betone, sondern mit dem, was ich nicht mehr verberge. Und manchmal kommt dennoch dieser Moment, in dem ich unsicher werde. In dem ich das Bedürfnis habe, mich „schön zu machen“. In dem ich merke, wie tief dieses Bedürfnis sitzt, gesehen zu werden – und zwar durch einen Filter, der mich vermeintlich wertvoller macht. Ich frage mich dann: Will ich jetzt wirklich mich ausdrücken – oder will ich einfach wieder gefallen?
Viele Frauen, auch trans Frauen, erleben Make-up als Form der Selbstermächtigung, des kreativen Ausdrucks, als Spiel mit Identität – und ich sehe das. Ich nehme das ernst. Mein Weg ist nur ein möglicher. Aber er stellt eben auch die Frage: Wie frei sind unsere Entscheidungen wirklich?
Eine Milliardenindustrie lebt davon, dass Frauen sich ungenügend fühlen. Kosmetikunternehmen bauen ihre Umsätze auf dem permanenten Zweifel auf. Jeder neue Lippenstift, jede neue Hautcreme sagt uns aufs Neue: Du bist noch nicht ganz fertig. Beauty ist kein Ausdruck von Individualität – es ist Teil eines kapitalistischen Imperativs. Männer treten oft „pur“ auf. Frauen sind Verpackung. Und diese Verpackung kostet: Laut Studien geben Frauen in der Schweiz im Schnitt rund 220 Franken pro Monat für Kosmetik, Pflege und Schönheit aus – hochgerechnet auf 50 Jahre sind das über 130'000 Franken. In dieser Zeit stehen sie über zwei Jahre ihres Lebens vor dem Spiegel. Zwei Jahre, die wir anders hätten leben können.
Sieh mich an, und ertrage, was du siehst. Das ist die Realität. Sie ist nicht verändert, sie ist nicht geschönt. Und du hast mich auszuhalten, in meiner Natürlichkeit. Und nicht nur das. Du hast auszuhalten, dass ich meine Zeit anderweitig nutze. Dass ich nachdenke, dass ich ausruhe, dass ich arbeite, dass ich mich frei bewege.
Ich schminke mich nicht, weil ich der Meinung bin, dass das, was ich bin, ausreicht. Dass mein Gesicht schön genug ist. Natürlich habe ich Glück, habe das Privileg einer gesunden Haut, habe keine Narben, keine sichtbaren Makel. Und doch sagt es viel über eine Gesellschaft aus, die so etwas verdecken muss. Die fast jeder Frau – egal, wie schön sie von Natur aus ist – eintrichtert, dass es so nicht reicht.
Indem ich mich nicht schminke, trage ich meine Realität in die Öffentlichkeit. Für mich ist das auch ein Ausdruck von: Sieh mich an, und ertrage, was du siehst. Das ist die Realität. Sie ist nicht verändert, sie ist nicht geschönt. Und du hast mich auszuhalten, in meiner Natürlichkeit. Und nicht nur das. Du hast auszuhalten, dass ich meine Zeit anderweitig nutze. Dass ich nachdenke, dass ich ausruhe, dass ich arbeite, dass ich mich frei bewege. Dass ich innerhalb weniger Minuten aus dem Haus kann. Dass ich weniger Geld für meine vermeintliche Schönheit ausgebe und viele, viele Stunden spare, die ich für ein Leben, mein Leben einsetzen kann.
Mein nacktes Gesicht ist nicht bloss Faulheit und Zeitersparnis. Es ist ein politisches Statement dafür, dass mein Gesicht, meine Zeit, mein Geld, mein Aussehen mir gehören. Vielleicht geht es am Ende nicht nur um Wimperntusche. Es geht um die stille Revolution, die darin liegt, wenn Frauen beginnen, sich selbst zu genügen. Es geht um die Frage, wem wir gehören: dem Blick der anderen – oder uns selbst.
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Danke für deine Zeilen! Ich bewundere deinen Mut, entgegen dem Zeitgeist auf das Schminken zu verzichten und hoffe, dass viele Frauen deinem Beispiel folgen werden.