Du hasst Wiederholung? Probiere es mit Rhythmus
Wir scheitern an Routinen, an Regelmässigkeit, an den kleinsten Versprechen an uns selbst — und schämen uns dafür. Dabei ist das Problem nicht fehlende Disziplin. Sondern eine Welt ohne Takt.
Dranbleiben. Immer wieder das Gleiche tun. Immer schön wiederholen.
Regelmässigkeit wird uns gepredigt. Sie ruft uns entgegen, aus Ratgebern, am Tisch der Grosseltern, sie wird beweint und betrauert als ein Relikt der Vergangenheit, als alle noch Sonntags in die Kirche gingen und Dienstags noch in den Verein. Und gleichzeitig begegnet sie uns in Leistungs-Podcasts und 4 a.m. clubs, als Pfeiler allen Erfolgs, als Mantra der Disziplin.
Die Psychologie bestätigt: Rhythmus und Regelmässigkeit sind etwas vom Wichtigsten für die Psyche. Sie geben Halt, Orientierung, beruhigen das Nervensystem.
Nur blöd, dass ich darin nicht gut bin.
Dass ich damit scheitere. Seit Jahrzehnten.
Und fühle mich dann immer wie Jemand, der sich selbst gegenüber die kleinsten Versprechen nicht halten kann. Jemand, der sich selbst belügt. Wie schwer kann es sein, einen Apfel am Tag zu essen oder zur gleichen Zeit schlafen zu gehen? Ich wünschte mir manchmal, ich wäre diese Art von Mensch, der mit acht Jahren schon Pferde liebte, und fünfmal die Woche ins Reiten ging, und in den Sommerferien ins Reitlager, und der weiss, was er liebt: Pferde und Reiten.
Weil sich, wenn ich an die Leben dieser Menschen denke, nicht bloss Langeweile in meinem Kopf breit macht, sondern eine Faszination für diese Homogenität. Eine grosse Ruhe. Ich stelle mir dann vor, wie schön sich das anfühlen muss, wie klar, wie ruhig, wie determiniert, wie rund, wenn man weiss, dass es diese eine Sache gibt, die man liebt, und die man regelmässig wiederholt. Dieser Halt, der damit einhergeht. Diese Ruhe, dieser Fokus.
Das eine Internet, die Milliarden kleiner Welten
Seit das Digitale unseren Alltag immer stärker durchdringt, durchdringt auch das Kleinteilige unsere Leben. Die vielen Optionen, die vielen Farben, die vielen Meinungen. Aber auch die vielen verschiedenen Richtungen, die unterschiedlichen Zeiten, die kleinen und grossen Aufgaben auf all den verschiedenen Kanälen.
Es gibt zwar das eine Internet, doch darin sind Milliarden kleiner Welten. Und das Internet gibt uns wenig Halt. Weil alles jederzeit verfügbar ist. Weil das Internet keine Öffnungszeiten hat. Keinen Rhythmus. Was seine ganz tollen Seiten hat, weil wir jederzeit alles können. Doch es fehlt darin auch eben: Struktur. Und es ist nicht bloss das Internet. Wann sind wir als Gesellschaft, als Familie, als Partnerinnen, als Arbeitnehmende, ja, sogar in der Kirche, noch zur selben Zeit am selben Ort?
Wir sollten in unseren Leben wieder mehr Anker haben. Als Individuen und als Gesellschaft. Wiederholungen, die uns Struktur und Halt geben. Und die uns gemeinschaftlich zusammenwachsen lassen.
Dem Alltag wohnt ein Puls inne
Und doch können wir Wiederholung breiter denken. Als Rhythmus. Was bedeutet, dass dem Alltag, dem Leben ein Puls, ein Ton, ein Wechsel innewohnt. Ein Rhythmus eben, nach der Definition von Wikipedia ein “gleichmässiger Wechsel, eine regelmässige Wiederkehr, ein Gleichmass”. In welcher Form: egal. In welchem Wechsel: egal. In der Sprachwissenschaft wird Rhythmus definiert als “Gliederung des Sprachablaufs durch Wechsel von langen und kurzen, betonten und unbetonten Silben, durch Pausen und Sprachmelodie”. Was ich sehr schön finde. Weil wir das auch auf unser Leben ausweiten können und fragen:
Wann will ich etwas kurz tun? Und wann über lange Zeit?
Was tue ich intensiv, und dann wieder zurückhaltend?
Wann schlafe ich Nächte durch, und wann nicht?
Wann spaziere ich nur kurze Wege, und wann lange?
Wann mache ich Pause? Und wann beginne ich?
Welchen Dingen widme ich mich jeden Tag, welchen einmal im Monat, und ist Rhythmus nicht auch, dass ich alle vier Jahre im Sommer alleine ans Meer fahre?
Und: Ist nicht auch der Holunderblütensirup mit Sprudelwasser Rhythmus, den ich immer dann trinke, wenn ich mich trösten will?
xoxo, Anna
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Ein wunderschöner Text. Er fängt so ehrlich ein, was viele von uns spüren: die Sehnsucht nach einem inneren Rhythmus, der nicht drillt, sondern pulsiert. Deine Idee, Regelmäßigkeit als Wechsel von Kurz und Lang, Intensiv und Pause zu denken, macht sie plötzlich lebendig und machbar. Besonders der Holunderblütensirup als Trost-Ritual.
Das ist Poesie pur. Und das probier ich auch mal aus ;-)