Digitale Grenzen: Warum wir sie brauchen – und warum sie so schwer sind
Nachrichten, Mails, Erwartungen – ständig zieht etwas an uns. Grenzen wären die Lösung. Doch so einfach ist es nicht. Weil Grenzen immer auch Beziehung sind.

Es gäbe diese Tür, die ich schließen könnte. Ich habe Finger und ich habe Muskeln, ich habe ein Gehirn, das mir sagt, wie es geht, ich habe es schon Dutzende Male gemacht. Im Grunde wäre es so einfach. Diese Tür zuzumachen zu diesem digitalen Raum, in dem ich oft den Großteil meiner Wachzeit verbringe.
Einfach den Flugmodus rein.
Einfach den Ausschaltknopf drücken.
Einfach das Ding weglegen, es vergessen, es liegen lassen, es im Auto lassen, es wegsperren, es an die Wand werfen oder vom Balkon fallen lassen.
Einfach nicht mehr antworten.
Einfach sagen: Ich will keinen Kontakt mehr. Ich lese diese E-Mail nicht. Ich bin nicht verfügbar.
Hauptsache: Ruhe.
Doch: Wer macht das schon.
Wann hast du das letzte Mal ein digitales Gerät ausgeschaltet? So ganz? So, dass der Bildschirm schwarz wurde und das Ding nichts weiter mehr war als: ein Gerät, still, leblos, glatt, tot?
Wann hast du ohne Aufwand, ohne Schuld, ohne Angst für Stunden und Tage alles beiseitegelegt und dich nicht mehr drum gekümmert, ob du digital gerade erreicht werden willst oder nicht, und warst dabei ganz bei dir?
Das Digitale ist immerzu präsent
Wir spüren es alle: Das Digitale ist zu laut, zu schnell, zu groß geworden. Es hat sich in unser Leben gefressen und breitet sich aus, es nimmt uns Stunden des Tages weg, es zerstreut uns - und es hält uns konstant präsent.
Gleichzeitig spüren wir, dass wir unseren Raum besser schützen müssen. Grenzen setzen. Vielleicht auch die Art und Weise überdenken, wie oft und auf welche Art und Weise wir mit anderen digital kommunizieren. Weil wir merken: So kann das nicht weitergehen. Es erschöpft mich. Es bedrängt mich.
Doch warum setzt du sie nicht, die Grenze, auch wenn du weißt, dass sie gut für dich wäre?
Weil es bei Grenzen immer auch um Beziehung geht. Und weil sich im Digitalen oft das Gleiche zeigt wie im Leben sonst auch.
Sehr viele Menschen können nur schwer Grenzen setzen. Nicht nur digital, sondern im Leben generell.
Können am Tisch bei den Eltern zuhause nicht aufstehen und gehen, wenn mal wieder gefragt wird, warum es keine Kinder gibt.
Können im Meeting nicht den Satz unterbrechen und sagen: Ich spreche gerne weiter, wenn ich deine Aufmerksamkeit habe, und du meine Ideen nicht mehr als deine verkaufst.
Wir geben irgendwann nach und kaufen das Eis, nachdem wir 25-mal Nein gesagt haben und dann doch irgendwann einknicken, weil schönes Wetter ist und Urlaub und wir müde sind und das Kind uns die Ohren vollschreit und wir einfach nicht immer die perfekten Eltern sein können, die wir gerne wären.
Wir hören länger zu, als uns lieb ist, weil wir den anderen nicht kränken wollen. Wir ignorieren Sprachnachrichten lieber, als zu schreiben: Bitte, nicht so lange Sprachnachrichten, das macht mich ganz verrückt. Wir gehen sonntags in die Mails, obwohl wir nicht arbeiten, weil wir denken, vielleicht ist was am Brennen, vielleicht brauchst du mich.
Grenzen setzen erfordert Mut
Sobald ein Gegenüber im Spiel ist, geht es immer auch um das Thema Bindung. Und dann geht es auch immer um Lust, Angst, Vorsicht, Prägung, Hoffnung, Wut, Zuneigung und Sehnsucht. Dann kommen Gefühle ins Spiel und Verlustängste, Pflichtbewusstsein und Schuld. Dann können wir noch so lange sagen:
Ja, grenz' dich doch einfach besser ab!
Aber so einfach ist es eben nicht.
Im Digitalen Grenzen zu setzen, ist eine Lebensaufgabe. Weil das Digitale immer das spiegelt, was auch sonst im Leben ein Thema ist.
Genau deshalb ist das Thema der digitalen Abgrenzung so wichtig: Weil du nur dann, wenn du deine Grenzen kennst, offen sein kannst. Weil du nur dann, wenn du deine Grenzen setzt, frei werden kannst für Geben und Nein sagen mit Liebe, Haltung und Klarheit.
Und wenn du dich fragst, wie genau das im Alltag gehen kann – wie man Grenzen nicht nur denkt, sondern auch übt und lebt –, dann hör gern in meine neue Podcastfolge „Digitale Grenzen setzen: Wie du Ruhe und Klarheit zurückgewinnst“ rein.
Ich spreche darüber, warum es so schwer ist, digital Nein zu sagen, wie du Schritt für Schritt emotionale Sicherheit aufbaust und warum dein Nein auch anderen erlaubt, weniger gestresst zu sein und freier zu leben.
Hier geht’s zur Folge Digitale Grenzen setzen: Wie du Ruhe und Klarheit zurückgewinnst direkt in Substack.
Oder hör’ dir die Folge direkt auf Spotify und Apple Podcasts an.
Denn jedes Mal, wenn du das Handy weglegst, wenn du einen Kanal schließt oder ein Nein formulierst, entscheidest du, dass dein Raum, deine Ruhe, dein Leben mindestens so wichtig sind wie die Bedürfnisse anderer. Grenzen sind Selbstachtung. Sie sind der Beginn von Freiheit und Selbstbestimmung.
Und gleichzeitig sind genau diese Grenzen die Voraussetzung für echte Nähe. Denn deine Grenzen sind auch Sicherheit für dein Gegenüber. Orientierung. Sie schützen die Beziehung. Weil du dich, wenn du digital eine Grenze setzt, ja auch für ein Ja zum Moment aussprichst. Und für den Menschen, der in diesem Moment bei dir ist. Und seist das du allein.
Vergiss nicht: Verbindung und Verfügbarkeit sind nicht das Gleiche. Vielleicht ist genau das die stille Revolution, die wir gerade brauchen: eine Gesellschaft, in der wir uns gegenseitig Raum lassen, auch mal digital weg zu sein – und trotzdem verbunden zu bleiben.
Auf gute Grenzen! Ich hab dich lieb.
xoxo, Anna
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