Alleinsein lernen: Warum wir die Stille nicht mehr aushalten — und sie gerade jetzt brauchen
Wir sehnen uns nach Ruhe, dann scrollen wir weiter. Die MIT-Professorin Sherry Turkle sagt: Wir haben verlernt, mit uns allein zu sein. Doch genau dieses Alleinsein ist der Boden für Verbundenheit.

Es gibt diese Tage. An denen ich durch die Stadt laufe, an einem nebligen Morgen, bevor diese Stadt, die ich liebe, langsam erwacht. Tage, an denen ich einfach in den Tag laufe. Mit Zeit und Raum, mit meinen Gedanken, die mich begleiten. Ich bin dann allein. Allein mit mir, allein mit meiner ganz eigenen Art, die Welt wahrzunehmen. Und ich muss nichts daran ändern. Muss vor diesem Alleinsein nicht wegrennen. Es nicht mit sozialer Interaktion überlagern. Mich nicht in Scham vergraben. Mich nicht falsch fühlen.
Ich bin an diesen Tagen ein paar Stunden für mich allein. Ohne soziales Dauerrauschen. Ohne digitales Dauerrauschen. Und glücklich damit.
Und denke dann auch immer wieder verwundert daran, wie es sonst ist.
Wie oft ich vor diesem Alleinsein zurückschrecke.
Wie sehr es mich ängstigt.
Wie schwer es mir fällt, mir allein zu genügen. Mich als wertvoll und würdig zu empfinden, unabhängig davon, wer mich in meinem Leben, in meinem Alltag, in diesem konkreten Moment gerade begleitet. Oder eben nicht. Wie ich auch jetzt, nach all den Jahren, älter und weiser, noch immer Stunden sinnlos im Internet verbringe, statt die Stille auszuhalten. Oder mal wieder etwas wirklich Gutes für mich zu tun, zuhause oder draussen, in der Welt. Wie ich mir Stille und Ruhe ersehne, in diesem ganzen Lärm dieser modernen Welt, diese Stille und Ruhe aber kaum aushalte, wenn ich dann endlich mal alleine auf dem Sofa sitze.
Alleinsein ist nicht Einsamkeit
Das Alleinsein hat in meinem Leben und in unserer modernen Gesellschaft einen schweren Stand. Weil wir Alleinsein mit Einsamkeit gleichsetzen. Dabei sind diese beiden Wörter gegensätzlich. Einsamkeit ist das subjektive Empfinden von Abgetrenntheit. Wir fühlen uns nicht zugehörig, nicht eingebettet. Nicht verbunden mit anderen, der Welt an sich, einem Ort, einem Ritual, uns selbst. Dabei ist es objektiv nicht zentral, wie eingebunden uns andere erleben. Einsamkeit ist nicht objektiv. Wir können uns unter 100 Menschen einsam fühlen, in Momenten des Alleinseins aber glücklich.
Einsamkeit und soziale Isolation haben aber nichts mit Alleinsein zu tun. Anders als Einsamkeit, die oft das schmerzliche Gefühl sozialer Isolation und mangelnder Verbundenheit mit anderen beschreibt, bietet das Alleinsein Raum, sich von äusseren Erwartungen zu lösen, den eigenen Gedanken freien Lauf zu lassen und eine tiefere Beziehung zu sich selbst aufzubauen. Das Alleinsein ist eine aktive Entscheidung, in der Stille kreative und emotionale Ressourcen zu aktivieren, und damit die Basis für authentische Selbstverbundenheit und gesunde, erfüllende Beziehungen zu schaffen.
Warum wir uns für das Alleinsein schämen
Doch vielen von uns, auch mir, macht das Alleinsein Angst.
Die Angst vor sozialen Ausschluss ist so alt ist wie die Menschheit selbst. In unserer Gesellschaft, in der immer mehr Menschen alleine wohnen und leben, gilt paradoxerweise: Wer alleine ist, mit dem stimmt etwas nicht. Singles bekommen im Hotel das kleine Bett. Paare schlafen auf Rosenblättern.
Wer sich in der Öffentlichkeit dann und dort alleine zeigt, wo die Situation als gemeinschaftlich geframt ist, dem haftet schnell an, dass er es sozial nicht geschafft hat. Nicht selten rührt das Gefühl von Einsamkeit von frühen Erfahrungen sozialen Ausschlusses, die im Kindergarten, in der Schule, am Arbeitsplatz nicht abgefedert werden. Viele Menschen, die sich einsam fühlen, schämen sich. Daraus entsteht ein Teufelskreis: Wir schämen uns, also ziehen wir uns noch weiter zurück. Denn wer sich schämt, wird nicht offen und aktiv – er versucht, sich und seinen vermeintlichen Mangel zu verstecken.
Die Auswirkungen von digitaler Dauerverbundenheit
Digitalisierung hat uns zusätzlich konditioniert, permanent verbunden zu sein. Ohne sie fühlt sich schon eine Stunde allein sofort bedrohlich an. Der amerikanische Autor Cal Newport nennt das solitude deprivation: den Verlust echter Abgeschiedenheit. Sherry Turkle, Professorin am MIT, sagt: Mit unserem Smartphone in der Tasche verlieren wir die Fähigkeit, allein zu sein.
Dabei wäre es genau jetzt wichtig, mich bewusst ins Alleinsein hineinzugeben. Und zu realisieren: Das unangenehme Gefühl gehört dazu. Es ist bloss der Anfang. Jede Veränderung beginnt mit einem ersten, meist unangenehmen Schritt. Mit einem Moment des Ungewohnten. Je öfter wir uns entscheiden, Zeit mit uns alleine zu verbringen, desto einfacher wird es werden.
Der Weg zurück zu uns selbst
Und irgendwann, vielleicht morgen, vielleicht in einem Monat, vielleicht in einem Jahr, werden wir beginnen, uns wohler zu fühlen. Wir werden durchatmen und diese Verbindung spüren, die übrig bleibt, wenn alles andere von uns abfällt – all die Pendenzen und Kontakte und Rollen, die wir in unseren Bindungen immer haben. Dann werden wir spüren, dass da noch etwas ganz Eigenes auf uns wartet: ein Gefühl von grosser Freiheit und grosser Verbundenheit mit uns selbst.
Genau hier liegt das Fundament für echte Verbundenheit mit anderen. Denn in dem Moment, in welchem ich mich endlich selbst aushalte, und mich sogar gern bekomme, werde ich jede Party verlassen, die mich auslaugt. Jeden Partner, der mich nicht gut behandelt. Jede Diskussion, die mich herabsetzt. Weil ich weiss: Ich habe die Wahl, mit wem ich mich verbinde. Und ich habe die Ressourcen, wirklich präsent zu sein, mit den Menschen, die meine Hinwendung verdienen.
xoxo, Lieblingsmensch! Auf viel Verbundenheit.
Anna
In der aktuellen Folge von Project Happy - der Podcast spreche ich darüber, wie wir alle lernen können, die Stille nicht als Feind, sondern als Ressource zu begreifen. Und wie du das Alleinsein üben kannst. Hör gerne rein!
Hier geht’s zur Podcast-Folge „Alleinsein üben: So gelingt ein Abend nur mit dir“ direkt in Substack:
Oder hör’ dir die Folge direkt auf Spotify und Apple Podcasts an.
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