Die grosse Erschöpfung
Warum du dich mit Schlaf alleine nicht erholen kannst. Und welche Art von Erholung du wirklich brauchst.
“No, we don’t need more sleep. It’s our souls that are tired, not our bodies. We need nature. We need magic. We need adventure. We need freedom. We need truth. We need stillness. We don’t need more sleep, we need to wake up and live.” ~Brooke Hampton
Es war ein unglaublich erschöpfender Monat für mich. Nicht bloss, weil es dunkel war und trüb und nass und grau, wenig Licht, wenig Sonne, diese Dinge, wir kennen es. Es lag nicht am Eisenmangel, an den fehlenden Vitamin-Präparaten, es lag auch nicht an durchzechten Nächten. Nein, diese Erschöpfung greift tiefer. Viel tiefer.
Es ist dieses Gefühl der Erschöpfung, die sich über mich legt, wenn jemand, den ich eigentlich mag, mich fragt, ob wir uns bald sehen. Und ich bloss denke: Wie soll ich das auch noch schaffen. Nichtmal zeitlich. Sondern emotional. Im Sinne von: mit Kapazität. Mit Präsenz. Mit Nähe. Mit Energie. Es sind all die digitalen Pendenzen, denen ich nicht mehr hinterherkomme. Es sind die vielen Ideen in meinem Kopf, dann noch Freizeit gestalten, dann noch Beziehungen pflegen, sich dann noch auf die Ferien freuen, dann noch Geschirrspülmaschine ausräumen und dann noch…
Unser Leben ist so unglaublich dicht geworden. So dicht, dass vielen von uns schon morgens der Kopf schwirrt. Eine Freundin von mir schrieb mir neulich, wie wenig emotionale Kapazität sie noch hat. “Keine emotionalen Ressourcen” mehr ist es, was es trifft. Der Kopf, der fahrig ist. Das Herz, das müde ist.
Und da hab ich mir Gedanken darüber gemacht, dass wir so oft in Zeiteinheiten denken und in Kalender-Einträgen, aber kaum oder viel zu selten in Ressourcen-Einheiten und Energie-Einheiten. Ich habe genug Zeit, aber ich bin trotzdem erschöpft. Ich hätte genug Zeit, um neue Ideen zu spinnen, habe aber trotzdem kaum welche. Ich hätte genug Zeit, mit zehn Menschen am Tag einen Kaffee zu trinken, habe aber doch nicht die emotionalen Ressourcen, um mich mit ihnen wirklich zu verbinden.
Und dieses Gefühl der Erschöpfung, das teile ich mit anderen. Ich fühle mich ein wenig wie in einer Echo-Kammer, wenn ich diese Erschöpfung ausspreche: Sie kommt zurück zu mir. In Form von Sprachnachrichten, Absagen, Krankheiten, Ausfällen. Und so vielen Menschen, die mir sagen: Ich kann grad nicht, ich schaff das nicht, ich bin emotional und geistig: leer.
Nach Aussen hin wirkt unser Leben wie immer, doch irgendwie ist die Luft draussen.
Was ist bloss passiert?
Die grossen Feuilletons und Psychologie-Ratgeber schreiben schon seit Monaten von dieser fatigue, die sich über unsere Gesellschaft gelegt hat. Eine kollektive Erschöpfung. Und langsam glaube ich, dass das stimmt. Viele von uns sind müde vom Leben. Weil wir umgeben sind von Kriegsnachrichten und diesem Gefühl, dass die Welt auseinanderfällt. Vom Digitalen, das Überhand nimmt. In Form von KI, aber auch einem Posteinang, der sich schneller füllt als wir schauen können. Dauerrauschen, wo auch immer wir hinkommen. Die immergleichen Fragen, die sich nicht klären. Gleichstellung, Klimaaktivismus. Private Pendenzen, berufliche Pendenzen, nur noch Pendenzen.
Die grosse to do-Liste. In allen Bereichen unseres Lebens. Und ja, klar, jetzt kann man kommen und sagen: Grenz dich doch einfach besser ab. Sag Nein. Leg dich einfach hin und schliesse die Augen.
Doch so einfach ist es nicht. Weil dieses Dauerrauschen systemisch ist. Und unsere Köpfe nicht ausschalten, wenn wir uns hinlegen. Sie drehen weiter, verzweifelt auf der Suche nach Einordnung und Verarbeitung der Tausend Eindrücke, die wir während eines Tages in uns reingezogen haben.
Eine Seele kann nicht alles tragen. Eine Seele nutzt sich ab. Eine Seele braucht Raum zum Atmen und Inspiration, sie muss sich auftanken können. Es reicht deshalb nicht, wenn du dich hinlegst und schläfst. Dein Körper mag müde sein, doch dein Herz und deine Seele erholen sich nicht, bloss, weil du schläfst. Sie brauchen andere Formen des Auftankens. Ruhe, Hoffnung. Gelassenheit, kreativen Input. Zuwendung.
Schlaf und Erholung sind nicht dasselbe. Und in einer Welt, die niemals schläft, wird es auch immer schwieriger, sich wirklich nachhaltig zu erholen. Klar können wir ab und an eine halbe Stunde ins Yoga oder mal ein Wochenende in einen Spa, doch das sind Kirschen auf der Torte, das sind kleine Unterbrechungen eines Alltags, der für viele von uns viel zu überladen, viel zu laut, viel zu dicht geworden ist.
Wir müssen also, wollen wir gesund bleiben oder wieder werden, wieder lernen, uns nachhaltig zu erholen. Doch wie? Diese Frage ist so gross, dass sie eine ganze Gesellschaft beschäftigen sollte. Sie ist eng verwoben mit Digitalisierung, Zeitmangel, Kapitalismus, Globalisierung.
Und weil sie so gross ist und die grossen Fragen wieder ganz schnell sehr müde machen, gebe ich hier eine Mikro-Empfehlung ab, einen Mini-Input zum Wochenstart, nämlich, dass es verschiedene Arten von Erholung gibt, und mir diese Tatsache eine grössere Perspektive auf meine Nicht-Erholung gegeben hat.
Die Autorin Saundra Dalton-Smith hat ein ganzes Buch über Erholung geschrieben, es heisst “sacred rest”. Sie unterscheidet darin sieben Arten der Erholung, die jeder Mensch braucht, um sich entspannt und gesund zu fühlen.
Körperliche Erholung.
Wenn wir schlafen, erholt sich unser Körper. Wir brauchen Schlaf wie Wasser und Nahrung. Neben Schlaf können wir uns auch körperlich erholen, indem wir uns beispielsweise tagsüber mal kurz hinlegen. Auch körperliche Aktivität kann körperlich erholsam sein, wie beispielsweise, wenn wir uns dehnen oder Yoga machen. Auch eine Massage fällt in diese Kategorie.
Geistige Erholung.
Wir müssen auch mal den Kopf abstellen, um uns erholen zu können. Vielen von uns fällt das sehr schwer - weil Nachdenken auch eine Form der Kontrolle ist und das Gehirn gerne noch alles abarbeiten würde, was noch anfällt. Wir müssen dem System also aktiv erlauben, sich vom Denkfokus verabschieden zu dürfen. Beispielsweise, indem wir Achtsamkeits-Übungen machen, uns körperlich oder handwerklich betätigen oder uns bewusst ein “Stopp” sagen, wenn wir nicht aufhören können, an einem Problem herumzudenken.
Sensorische Erholung.
Diese Art der Erholung geht oft vergessen, gerade in digitalen Zeiten, wo wir fast pausenlos mit Bildern und Licht konfrontiert sind bis spät in die Nacht. Dabei ist sensorische Erholung für unser Nervensystem unglaublich wichtig. Also dimm abends das Licht, schau auch mal ein paar Minuten in eine Baumkrone oder an eine weisse Wand, mach die Ohrstöpsel rein, hör dem Rauschen des Windes zu. Oder erschaffe etwas mit den Händen. Das alles hilft, dich auszugleichen.
Kreative Erholung.
Wann hast du das letzte Mal gesungen, gemalt, etwas gebastelt? Wir Menschen sind kreative Wesen, wir mögen es, zu erschaffen und zu spielen. Wir erholen uns, wenn wir kreativ tätig sind, weil wir unseren Geist auf etwas ruhen lassen können, das uns aktiviert und beseelt. Ich spiele seit heute Morgen übrigens in der ersten Stunde des Wachseins Gitarre. Will ich seit 10 Jahren lernen, hat nie wirklich geklappt. Mal schauen, the time is now!
Emotionale Erholung.
Wir können uns auch emotional auslaugen. Indem wir versuchen, ständig zu gefallen. Uns monitoren. Alles für die anderen geben, aus Angst, verlassen zu werden. Uns emotional nicht verstanden fühlen. Das ist alles emotional sehr anstrengend, macht und müde. Doch kaum jemand realisiert oder spricht aus, dass er oder sie eigentlich vor allem eines ist: emotional erschöpft, nicht körperlich. Spür kurz in dich hinein: Ist das auch bei dir der Fall?
Soziale Erholung.
Die soziale Erholung ist eng mit der emotionalen verknüpft. Und beinhaltet neben der Frage, wie viel Zeit mit anderen und wie viel Zeit alleine du brauchst auch, mit welchen Menschen du dich umgeben willst und dich wirklich gut fühlst und mit welchen nicht.
Spirituelle Erholung.
In dieser modernen Welt, die gerne mal so tut, als wäre sie besser dran, wenn sie an nichts glaubt, kann uns eine spirituelle Erschöpfung ereilen. Denn wir Menschen sind auch spirituelle Wesen - egal, woran wir nun glauben oder nicht. Deshalb: Spür in dich hinein, ob du spirituell mehr Energie bräuchtest. Und frage dich dann: In welcher Form könntest du Spiritualität in dein Leben bringen? Waldspaziergang? Kirchenchor? Japanischer Altar neben dem Bett?
Hast du Lust, mehr über die sieben Arten der Erholung zu erfahren, kannst du hier Saundra Dalton-Smith’s Buch bestellen oder hier ihren TED-Talk schauen.
Das System, in dem wir leben, und das uns so erschöpft, können wir mit diesen sieben Eckpfeilern noch nicht auf den Kopf stellen, sofort. Doch wir können anfangen, besser auf uns zu schauen und lernen, Grenzen zu setzen, und dann auch kollektiv anfangen, darüber zu sprechen, wie systematisch overloaded unser Leben ist. Dass wir uns in eine kollektive Erschöpfung hineinmanövrieren, und dass das politisch ist.
Zwei weitere Buchempfehlungen aus dem gesellschaftspolitisch-feministischen Bereich zum Thema:
“Die Erschöpfung der Frauen” von Franziska Schutzbach und
“Alle Zeit” von Teresa Bücker.
Wie gehts dir gerade? Bist du auch erschöpft? Woran liegts? Was können wir tun?
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